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HP Schlotter: Bilder, Installationen, Objekte, Bücher

Steinhaus Merklingen. Zur Ausstellungseröffnung am 09.09.2001

Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass eine Einladung große Erwartungen weckt, die dann in der Ausstellung enttäuscht werden. Hier im Steinhaus ist es mir mit den neuen Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt von Horst Peter Schlotter umgekehrt ergangen:

Bilder, Installationen, Objekte, Bücher.

Also von jedem etwas, hatte ich mir gedacht. Aber da ich Schlotters Kunst seit rund 25 Jahren kenne und schätze, so dachte ich weiter, wird es wieder eine schöne Ausstellung, und ich werde an den einzelnen Arbeiten meine Freunde haben. Doch dann stellte sich alles – alles ganz anders dar!

Das Erdgeschoss scheint auf den ersten Blick karg bestückt: Auf zwei schweren Doppel-Lektionarien, diese riesigen Lesepulte, wie man sie im frühen Mittelalter für die großen Folianten benutzte, ruhen vier mächtige Malerbücher. Im übrigen verteilen sich in lockerer Hängung klein- und mittelformatige Bilder und zwei Objekte. Allein von den vier Büchern werden Sie sich heute bei der Vernissage überfordert fühlen, und ein weiterer Besuch würde sich anbieten, damit man sich einmal in Ruhe in diese vertiefte. Wenn Sie Seite für Seite anschauen, um einen Blick in das verschlüsselte Innenleben des Künstlers zu werfen, wenn Ihnen da etwas einleuchtet und dort etwas rätselhaft bleibt, dann werden Sie nebenbei und deutlicher, als das heute vielleicht möglich ist, auf eine Klang-Collage aufmerksam werden, die aus den Tiefen des Untergeschosses durch die Lüftungsschächte nach oben dringt. Die beiden in den Fußboden eingelassenen Gitter erlauben einen begrenzten Blick in die Tiefe. Die Installation Depot vermittelt eher eine Ahnung als ein Wissen von einer geheimnisvollen Welt, jedoch kein Konzept, das sich im traditionellen Sinne interpretieren ließe. Wenn Sie alle Geschosse des Steinhauses durchwandert haben, sollten Sie noch einmal hinabblicken durch den gelben und den roten Lichtkegel des Depots. Dann werden Sie das eine oder andere Motiv wiedererkennen, das Ihnen auch an anderer Stelle mehrfach begegnet war. Das Depot bildet für diese Ausstellung so viel wie für ein Gebäude das Fundament: Man nimmt es kaum wahr, und dennoch kann man weniger darauf verzichten als auf jedes übrige Teil, welches nach oben darauf folgt.

Dort unten, diese kaum erkennbare Installation, entspricht vielleicht dem Unbewussten oder, wie wir bisweilen zu sagen pflegen, dem Bauch. Hier im ersten Obergeschoss meinen wir, uns in die Welt des Bewusstseins und der erkennbaren und allgemein kommunizierbaren Wirklichkeit erhoben zu haben. An den Wänden: Nun größere Tafelbilder, die sich durch die Wiedererkennbarkeit von Motiven und Farbklängen auszeichnen und zunächst ein hohes Maß an Autonomie behaupten. M. a. W.: Wir können uns gut vorstellen, mit dem einen oder anderen Bild auch in den eigenen vier Wänden zusammen zu leben. Das Geviert in der Mitte erweckt fürs erste geradezu heitere Gefühle, denn es vermittelt uns in seiner Transparenz eine optimistische Aufwärtsbewegung. Die Leiter, die seit Jahrtausenden für den spirituellen, den geistigen und auch für den gesellschaftlichen Aufstieg steht, ist nicht einmal ortgebunden, sondern mit ihrem schlanken Rad sogar mobil. Auch die blauen Partikel, die wie nahezu immaterielles ultramarinblaues Pigment wirken und in denen es dem Künstler gelungen zu sein scheint, für einen Wimpernschlag – aber nicht länger - den Geist sichtbar werden zu lassen - sie erheben sich und streben nach oben.

Doch schauen wir hin, wo sich dieses abenteuerliche Gefährt befindet! Es bahnt sich seinen Weg durch ein trübes Meer schwer verständlicher Worte – nicht weniger geheimnisvoll wie die Klänge der Ton-Collage, die aus dem Keller heraufklingt. Und wir – Sie uns ich – wir spiegeln uns in dieser finsteren Oberfläche, befinden uns also im Werk sozusagen als Statisten. War die anfängliche Heiterkeit nur eine Täuschung? Wir bleiben doch draußen und wir bleiben unten, und wir erheben nicht über die Sorgen und Ärgernisse des Alltags. Die große Schale ruht schwer auf einer Sprosse der Leiter, und sie macht keinerlei Anstalten, etwa nach oben zu eilen. Sehen wir uns die blauen Partikel genauer an, so werden wir gewahr, dass es sich um eingefärbte Holzkohle handelt. Die vermeintliche Immaterialität erweist sich also als schöner Schein, der nur die leblosen Reste eines früheren, eines längst vergangenen Lebens überzieht.

Allzu optimistisch gestimmt, hatten wir dazu geneigt, das Rad als ein positives dynamisches Moment zu deuten, als eine Potenz, welche den Aufstieg noch beflügelt, sozusagen zum Selbstläufer macht, wobei Fortschritt und Erfolg sich quasi zwangsläufig und ganz ohne unser eigens Zutun einstellen müssten. Und wir hatten übersehen, dass das Rad zugleich der Leiter den unbedingt notwendigen sicheren Stand nimmt und den ohnehin brüchigen Boden unter den Füßen wegzieht. – Das Rad, daran sollten wir uns erinnern – steht seit Jahrtausenden für Kronos, für die stetig verrinnende , die alles verzehrende und verschlingende Zeit, die gnadenlos über alle menschlichen Wünsche, Gefühle, Sehnsüchte und Schmerzen hinwegschreitet. - Am Ende des Spiels wird das Schachbrett abgeräumt, die Figuren kommen in den Sack, und dort sind sie mit einem Male alle gleich. Vanitas - auch das meint die Metapher Zeit.

Was ich zunächst über die heitere Seite dieser Installation gesagt hatte, soll damit nicht aufgehoben werden. Doch wird es relativiert, nachdem wir auch einen Blick auf die Nachseite der Symbole geworfen haben.

Natürlich erschöpft sich der Bedeutungsumfang dieses Werkes nicht mit dem, was wir bisher angesprochen haben. Wir können weitere Fragen stellen, und Sie können versuchen, mögliche Antworten zu formulieren.

Was hat es mit den Gefäßen auf sich?

Was besagt ihre irdene Konsistenz – ich meine die Erde, die durch Feuer in einen unvergänglichen Stein verwandelt worden ist?

Was nehmen die Gefäße auf – was bieten sie uns an?

Auch wenn es um die Glasscherben geht, müssen wir uns nicht damit zufrieden geben, dass die Wörter und Satzfragmente nicht sogleich einen Sinn ergeben. Da sie in Spiegelschrift erscheinen, ist das Lesen lediglich erschwert, aber nicht unmöglich! Ein einziger Satz erscheint sogar seitenrichtig und komplett, so dass ihm offensichtlich eine besondere Bedeutung zukommt:

Die höchste Absicht ist überhaupt keine Absicht.

Mit diesem Satz von John Cage rekurriert Schlotter auf das Prinzip des absichtslosen Tuns der Surrealisten, die an Stelle der intentional geplanten Arbeit versuchten, die innovativen Kräfte des Zufalls zu nutzen. Dies bedeutet für uns, wenn wir uns in dieser Ausstellung umschauen und nach Orientierung suchen: Geplante Werke sind solche, bei denen auf die Definition von Sinn die methodische Ausführung zu folgen hätte. Um sie zu verstehen, müssten wir den Arbeitsprozess zurückverfolgen oder einfach den Künstler zu fragen, was er uns denn hatte sagen wollen mit dem Werk. Und seine Antwort könnten wir quittieren mit der Gegenfrage: Warum er denn das Werk überhaupt geschaffen habe, anstatt einfach gleich die Lösung als eine Art Konzept aufzuschreiben.

Aber solcherlei ergibt sich im Zusammenhang mit Schlotters künstlerischer Arbeit nicht. Denn jedes seiner Werke hat offene Stellen, weil der Künstler nicht jeden Arbeitsschritt zielgerichtet plant, sondern auch immer wieder den Materialien und den Prozessen Chancen lässt, Initiativen der Formung zu ergreifen. Dann wird der vermeintliche Autor selber in Erstaunen versetzt und fragt, was denn da wohl entstanden sei. Für uns, die Beschauer, entsteht aber eine durchaus vergleichbare Situation; wir gelangen in eine nahezu gleichberechtigte Haltung zum Künstler, indem wir uns in den Prozess der Sinnsuche und der Sinnkonstituierung einbezogen sehen dürfen.

Natürlich ergeben sich von Werk zu Werk sehr unterschiedliche Gewichtungen. Bei den kleinformatigen Arbeiten im Erdgeschoss und den Blättern der Bücher liegt das Schwergewicht stärker auf der subjektiven Seite des Künstler, und die Frage, was das Werk denn für ihn wohl bedeute, scheint hier angemessen zu sein. Die objekthaften Arbeiten sind zugleich auch die offensten, die uns den größten Spielraum für eigene Assoziationen gewähren. Auf die Gemälde hingegen können Sie auf die gewohnte Weise zugehen, indem Sie sich zunächst anmuten lassen von den Farben, dem Material, dem Duktus und nicht zuletzt auch den Motiven.

In einem zweiten Schritt können Sie fragen, was dieses Werk Ihnen jetzt sagt und was es Ihnen auch ferner hin als Gegenüber bedeuten könnte.

Das klang schon fast nach einem Schlusswort. Aber vergessen wir nicht, dass es ja noch ein zweites Obergeschoss gibt. Sie erinnern sich, dass ich eingangs das erste Obergeschoss als die rationale Welt apostrophiert hatte, wiewohl wir diese Vorstellung dann doch ein wenig einschränken mussten. Wenn Sie dennoch bereit wären, meiner vorläufigen Metaphorik zu folgen, dann könnte ich Ihnen im nächsten Stockwerk eine geistige Welt ankündigen. Erwartungen, die wir hier unten gehegt hatten, werden nur zum Teil erfüllt, und neue Zusammenhänge eröffnen sich. Die hier begonnene Installation setzt sich in überraschender Weise oben fort, ohne zu einem endgültigen Abschluss zu gelangen. Im Gegensatz zu der schließlich in Auflösung begriffenen Installation hebt ein monumentales Gemälde zu einem weit ausholenden und pathetischen Fortissimo an und steigert und verwandelt die Atmosphäre fast bis an die Grenze zum Spirituellen. Doch werden derlei Anwandlungen von den übrigen Gemälden und vor allem von den als Gute Geister betitelten 7 Objekten zurückgeholt in die immanente Welt des Sinnlichen.

Auf dem Weg zurück, das heißt von oben nach unten, werden Sie sich noch einmal vergegenwärtigen, inwieweit diese Ausstellung mit der durchgängigen Installation ein geschlossenes Ganzes bildet, wiewohl sie Ihnen andererseits erlaubt, in der Betrachtung subjektive Schwerpunkte herauszulösen, so dass Sie sich auch einem einzelnen Werk mit Ihrer besonderen Sympathie zuwenden können.