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Karl Vollmer: Bilder zum »Zerbrochenen Rad«

Präsenz Galerie Gnadenthal in Hünfelden. Zur Ausstellungseröffnung am 30.08.2002

Als Sie die Einladung zu dieser Ausstellung in Händen hielten, werden Sie sich wohl zwei Fragen gestellt haben: Was hat es auf sich mit dem Titel dieser Ausstellung „Bilder zum »Zerbrochenen Rad«“? und inwieweit ergibt sich daraus ein Sinnzusammenhang für die ausgestellten Bilder?

Zu beiden Fragen möchte ich etwas sagen, in der Zuversicht, damit ein wenig zum Verständnis der Werke des Malers, Grafikers und Bildhauers Karl Vollmer beizutragen.

Erstmals hatte Karl Vollmer 1983 die Skulptur eines Rades geschaffen, der weitere plastische und installative Werke mit radialer Struktur folgten. Allen diesen Werken ist gemeinsam, dass sie niemals als reine Form für sich standen, wie wir das von minimalistischer Kunst her kennen, sondern, dass sie Versuche des Künstlers darstellen, über die symbolhafte Form Aspekte eines Weltbildes zu entwerfen, Hinweise zu geben auf eine Weltordnung und auf kosmische Zusammenhänge. Mit dieser Art von Sinnsuche und anschaulicher Weltdeutung hatte Vollmer den Boden der klassischen Moderne verlassen, Traditionen des ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit aufgegriffen und Perspektiven eröffnet, wie sie für unser neues, das 21. Jahrhundert bestimmend zu sein scheinen.

Das Rad als kreisförmiger Gegenstand steht in seiner statischen Gestalt zunächst für einen geschlossenen Zusammenhang, für das Ganze, die Welt als Einheit. Als tatsächliches oder auch nur virtuell bewegtes Objekt vermittelt es uns die Vorstellung von Geschwindigkeit, von Zeit und von Vergänglichkeit. Dieser Bedeutungskomplex ist bereits in denjenigen Werken von Karl Vollmer präsent, die in den achtziger Jahren entstanden sind. Dabei erinnert die Vierzahl der Speichen oder Radien daran, dass der Künstler sozusagen von einem Standpunkt außerhalb die Ordnung unserer Welt deutet: vier Himmelsrichtungen – vier Jahreszeiten u. s. w.

Auch das zerbrochene Rad war ehemals heil, stellte also eine Ordnung dar. Aber es besaß drei Speichen, und die Dreizahl verweist auf eine veränderte, auf eine gegensätzliche Perspektive des Künstlers, der nun aus dem Hier und Jetzt beobachtet, wie eine transzendente Ordnung zerstört worden war und nur noch in Fragmenten vor uns erscheint. Mit dem Zerbrechen des Rades ist auch das zeitliche Kontinuum unterbrochen, so dass der Künstler nicht umhin kann, angesichts der Trümmer eine schwere Krise zu diagnostizieren.

Aber was war geschehen? Auf welche konkreten Ereignisse beziehen sich die bildhaften Gedanken von Karl Vollmer? – Im Oktober 1940 waren die letzten Juden aus Bretten in Baden in das Lager Gurs in den Pyrenäen abtransportiert worden. Gurs galt als die Vorhölle von Auschwitz, wo in Baracken mit einer Grundfläche von ca. 25 m2 jeweils bis zu 60 Personen zusammengepfercht waren und unter unvorstellbaren Bedingungen dahinvegetierten. 60 Jahre danach wurde in dem Stadtpark von Bretten, dem alten Friedhof der Stadt, eine Stahlskulptur der Öffentlichkeit übergeben, welche in symbolischer Form die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust wach halten soll. Unter dem Titel »Das gebrochene Rad – Gurs« hatte Karl Vollmer das Mahnmal geschaffen.

In dieser Ausstellung sind plastische Vorstudien und Modelle des Werkes zu sehen, welche die Sicht des Künstlers auf die historischen Ereignisse und ihre gesellschaftlichen Konsequenzen verdeutlichen. – Was wir auf einen Blick ablesen können, ist der Eindruck, dass in einem Akt unvorstellbarer Brutalität die Ganzheit des Körpers eines Gemeinwesens zerschlagen worden ist. Doch wie von magischen Kräften beflügelt, haben die Trümmer sich erhoben und sich zu einer neuen Gestalt zusammen gefunden. Diese leugnet ihren fragmentarischen Charakter nicht, erinnert so an das Unwiederbringliche, doch ein kleiner Bogenteil erhebt sich oben zu einem spielerischen Aufwärtsschwung und verleiht mit seiner Leichtigkeit dem Ganzen eine hoffnungsvolle Grundstimmung.

Im Jahr 2001 und auch in diesem Jahr hat Karl Vollmer sich weiterhin durch das Motiv des gebrochenen Rades inspirieren lassen, und es sind grafische und malerische Werke entstanden, welche die angedeuteten Gedanken- und Gefühlswelten variieren und weiter verfolgen. Dabei ist es den Betrachtern überlassen, ob sie bei den differenzierten Formfindungen eher dazu neigen, Metaphern für individuelle oder wechselnde Stimmungen und Gefühlslagen sehen zu wollen, oder ob sie an Einzelschicksale denken.

Da gibt es kraftvoll und trotzig anmutende Werke, die zwischen dem Willen der Selbstbehauptung und der brutalen Macht des Systems eine Balance suchen. Diese Malereien mit skulpturalem Charakter verdanken einiges der Formwelt des kürzlich verstorbenen baskischen Bildhauers Eduardo Chillida.

In reduzierten Bewegungen werden die Farben von Blut, Feuer und verkohltem Holz ins Spiel gebracht. Hier mischt sich das Tragische mit dem Heiteren, wie ja auch in den Lagern der tiefste Schmerz und die Verzweiflung bisweilen dicht bei einem befreienden Lachen anzutreffen waren. Manche dieser Bilder erinnern auch an Paul Klee’sche Werke, bei denen es dem Künstler gelungen war, sich sehr feinfühlig der kindlichen Psyche anzuverwandeln.

Bisweilen hilft auch ein Bildtitel weiter, wenn es heißt: Festtag feiern – Ein Stück Festtag – Cabarett Gurs – Nach der Zeit – Trotzdem – Dennoch. Allerdings wäre es müßig, grundsätzlich nach gegenständlichen Belegen zu suchen. Außer den Fragmenten vom zerbrochen Rad wird man nur wenige Referenzen entdecken. Zu den bemerkenswerten Ausnahmen gehört die Kreuzstruktur, die an einen Baum oder an eine sich gegen ein Schicksal stemmende menschliche Gestalt erinnert. Eine ähnliche Form findet sich in dem Bild Reminiszenz Olivenhain, in dem man sich aufreckende Arme zu erkennen meint. Die ungeschlachte Gestalt meint den geschundenen Menschen, ohne zwischen Anhängern des jüdischen und des christlichem Glaubens unterscheiden zu wollen. Das Leiden macht alle Opfer gleich, und es fordert geradezu die expressive malerische Geste, so dass ein gewisses Pathos sich geradezu zwangsläufig einstellt.

Eine Besonderheit der leichten und eher spielerisch wirken Bilder ist ihre Ambivalenz, denn unversehens kann ihre Stimmung und damit ihre Bedeutung umschlagen von Dur nach Moll. Auf einigen Arbeiten erscheint ein Gespinst von leicht hingeworfenen schwarzen Linien vor hellem Grund, das an verdorrte Zweige erinnert. Sowohl bei den Landschaftsmalern des niederländischen Barock als auch bei den deutschen Romantikern galt der abgestorbene Baum als Todessymbol. Gerade wegen dieser bekannten und relativ populären Beispiele ist zu erwähnen, dass Vollmer nicht direkt bei den erwähnten Vorläufern ansetzte, sondern auf seine Formfindungen gestoßen ist während der Suche nach einer alternativen Formulierung zum marianischen Motiv des Rosenhags, zum knospenden und treibenden Zweig.

Bei einer Werkgruppe hat Karl Vollmer den Einsatz der Farbe so weit reduziert, dass neben den Nichtfarben Schwarz und Weiß nur noch die Farbe Gelb Verwendung findet. Bei dieser allerdings kann wie bei keiner anderen Farbe die Analogie eines Umschlagens vom reinen zum getrübten Ton als anschauliche Metapher zwischen Wahrheit und Falschheit beobachtet werden. Während uns das reine Gelb an das Licht der Sonne und an reines Gold erinnert, weckt ein mit Schwarz gebrochenes Gelb als schmutziges Dunkeloliv in der Regel eher negative Assoziationen.

Auch im Landschaftsraum hat Karl Vollmer ein Motiv gefunden, das er als Projektionsfläche für kompositorische Konstellationen, für Stimmungen, Gefühle und andere psychische Verfasstheiten nutzen kann. Die horizontale Grundtendenz, die malerische Durcharbeitung von Weiß, Gelb und Schwarz machen es für uns leicht nachvollziehbar, dass hier nicht nur Raumschichten nach formalen Gesichtspunkten angeordnet werden, sondern dass der Künstler uns Bilder einer Analogie zwischen geologischen, historischen und biografischen Plänen anbietet.

Wir haben gesehen, wie das Grün als neuer Farbwert sich bereits angekündigt hatte in dem melancholisch eingetrübten Gelb. Doch mit einem Mal steht es wie selbstverständlich da, wie das neue Leben aus Ruinen, wie das Laub der im Frühjahr zu frischem Leben erwachten Pflanzenwelt. Dieser Weg, den Karl Vollmer in der malerischen Bewegung der Farben beschritten hat, ist äußerst ungewöhnlich. In den neunziger Jahren hatte Blau, die Farbe der Ferne, des Geistes und der Transzendenz eine dominierende Rolle in Vollmers Malerei gespielt. Dann wurde sie verabschiedet, weil das Elend und das Grauen in den Konzentrationslagern ganz in der Materialität und deren Bedürftigkeit verhaftet war und keine Vorstellung von einer reinen Geistigkeit aufkommen ließ. Das höherwertige Gelb oder Gold in seiner ganzen Labilität und Gefährdung hatte nun die Bürde einer Leitfarbe zu übernehmen. Und es geschah eine Art Wunder, mit dem wohl nicht einmal der Künstler selber gerechnet hatte: Aus dem tiefsten Elend einer erniedrigten Existenz erwuchs ein Neues, eine Hoffnung auf die Zukunft, in der derartige Schicksale sich niemals wiederholen sollten.

Eine literarische Quelle, die Karl Vollmer bei den grünen Bildern wesentlich beeinflusst hat, soll nicht unerwähnt bleiben. In seinem Gedichtzyklus The Waste Land entwirft T. S. Eliot das Bild einer verwüsteten Welt, aus der jegliche Hoffnung gewichen ist. Doch Vollmer verharrt nicht in der lähmenden Melancholie des Pessimismus, sondern entwirft als Gegenbild ein Greenland, einen Paradiesgarten, ein Arkadien oder auch einfach ein fernes Land Utopia, wo alles noch so ist, wie es bei uns einmal war, eine Insel ohne Umweltverschmutzung und ohne Klimakatastrophen. Dabei sind Vollmers grüne Bilder alles andere als Träumereien. Sie sollen, wie der Künstler sagt, unsere Köpfe auf Reisen schicken, damit wir erkennen – so müssen wir ergänzen – welche Aufgaben uns die Zukunft stellt.

Nicht nur in großen und mittleren Formaten wurde die grüne Farbe mit den ihr innewohnenden Potenzen erprobt. Eine Serie von dreizehn Arbeiten in kleinem (etwa DIN-A 3) Format entstanden, wovon hier vier Beispiele zu sehen sind. Ich erwähne diese eigens, weil Vollmer dem Schaffensprozess bei diesen, wie sonst nirgends bisher, neue Freiheiten erobert hat. Aleatorische und halbautomatische bzw. vom Zufall bestimmte Verfahren wie die Decalcomanie – eine Art Abklatschverfahren – führen zu einer veränderten Technik der Farbverläufe, zu veränderten Formfindungen und einer insgesamt neuen Bildsprache.

Bisweilen meint man, die Handschrift einer gänzlich anderen Künstlerpersönlichkeit zu erkennen. Doch dieser trügerische Eindruck kann nur entstehen, wenn man eine Begrenzung des Blicks, wie eine einzelne Ausstellung uns das wohl aufnötigt, in Kauf nimmt. Verfolgt man die Genese von Karl Vollmers Oeuvre, die Entwicklung seines künstlerischen Schaffens, so wird deutlich, dass er nie darauf aus war, mit Rücksicht auf die bekannten Mechanismen des Kunstmarkts eine wiedererkennbare Handschrift, einen langfristigen Personalstil zu pflegen. Auch diesen Gesichtspunkt betreffend, hat Vollmer sich deutlich von der klassischen Moderne abgesetzt und befördert eine Entwicklung, die jenseits aller herkömmlichen Stilbegriffe auf neuen und unbekannten Pfaden wandelt.

Karl Vollmer hat nicht nur historische Quellen und Dokumentationen über die Vertreibung der badischen Juden und über das Lagerleben in Gurs mit Berichten von Überlebenden studiert. Die Sprachbilder in einer verdichteten poetischen Form fand er im literarischen Werk von Wolfgang Borchert. Die Welten eines Strafgefangenen, eines Kriegsheimkehrers sind bei Borchert so authentisch, dass sie sich auch auf die Verhältnisse in einem Konzentrationslager übertragen ließen. Was den Künstler Voller heute an dem jungen Borchert, der vor einem guten halben Jahrhundert gestorben ist, angesprochen hat, wird wohl zweierlei gewesen sein: Zum einen die trotzigen Worte des Neinsagers, die überzeugende, in expressiver Sprache vorgetragene Verzweiflung und die Welt des Nihilismus; zum anderen aber Borcherts Suche nach einem neuen Ja, sein Versuch, mit aller Kraft, wieder Hoffnung zu gewinnen und dem Leben trotz allen Kriegswahnsinns wieder einen positiven Sinn zu geben.

Karl Vollmers Malereien aus den letzten beiden Jahren, wie sie hier zu sehen sind, finden in Gnadenthal ein besonders sinnfälliges Ambiente. Gerade in einer ökumenischen Kommunität, die Toleranz und Gedankenaustausch zwischen den Weltanschauungen und Kulturen als ihre wesentlichen Ziele verfolgt, ist es möglich, die historistischen und die theologischen, insbesondere aber die konfessionellen Grenzen zu transzendieren und von einem humanistisch-aufgeklärten Standpunkt aus den Holocaust nicht nur argumentativ zu bearbeiten, sondern auch über das künstlerischen Medium einem anschaulichen Verstehen näher zu bringen. Es eröffnet sich die Chance, dass auf der ästhetischen Ebene die Versöhnung eine neue und vor allem glaubhaftere Qualität gewinnt. – Der besondere Wert dieser Ausstellung liegt in dem von Karl Vollmer gewählten spezifischen Zugang zur Thematik, der nicht auf Gefühle oder die Erzeugung eines schlechten Gewissens spekuliert, sondern die Geschichte verarbeitet, die Einsichten in die Gegenwart hineinnimmt und die uns hilft, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. – Vor allem: Bei Karl Vollmers Malerei handelt es sich keinesfalls um trübsinnige Gedenkkunst. Mit diesen Bildern, die auf besonders glückliche Weise ernste Nachdenklichkeit mit heiterer Poesie verbinden, kann man im Alltag gut leben – heute und auch in Zukunft.