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Ulrich Klieber: Japan – Vietnam

Galerie des Städtischen Museums Engen. Zur Ausstellungseröffnung am 06.09.2002

Wenn ein Maler eine Reise tut, dann kann er nicht nur etwas erzählen; es entstehen vor allem neue Bilder! Reisebilder, gemalt oder fotografiert, haben eine Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, aber populär wurde dieses Genre erst mit dem Impressionismus, und danach entwickelte sich daraus ein richtig gutes Geschäft, bei dem billige Stimmungen und falsche Sehnsüchte gegen teures Geld eingetauscht werden. Mit all diesem können wir Ulrich Klieber und seine Kunst nicht in Verbindung bringen, und gerade deshalb gehört diese Ausstellung zum Beispiel in ein Städtisches Museum und nicht etwa in ein Möbelgeschäft oder in ein Kaffeehaus.

Ulrich Klieber, der in Adelberg bei Göppingen lebt und dort auch sein Atelier hat, lehrt als Professor an der Hochschule für Kunst und Design in Halle. Schon der wöchentliche Ortswechsel von dem idyllisch zwischen alten Klostermauern gelegenen Atelierhauses in die graue Tristesse der Plattenbauten von Halle-Neustadt erfordert ein mentales Umschalten zwischen zwei konträren Raumwelten, Farbwelten, Lebenswelten. Klieber empfindet das allerdings nicht als wirkliche Belastung, sondern eher als Impuls, der seinen Adrenalinpegel in die Höhe treibt und seiner Kreativität neue Energien zuführt. Motive aus dem Adelberger Kloster oder der Schurwaldlandschaft stellen für ihn keine künstlerische Herausforderung dar; diese Blicke und Ansichten kann man genießen, wie sie sind. Ihre ästhetische Umformung im Bild war ein Problem, das vor einem Jahrhundert von der Malerei zu einem Abschluss gebracht worden war. Anders steht es mit ostdeutschen Straßenzügen und uniformierten Fassaden, die ehemals ein fortgeschrittenes sozialistisches Bewusstsein dokumentieren sollten. Halle-Neustadt oder wie man dort sarkastisch verkürzt: Ha-Neu (= Hanoi) bildet für Klieber den Ausgangspunkt, die ästhetische Startbasis, für seine Reisen zu den übrigen Kontinenten unseres Planeten. Dabei verkörpert dieses Ha-Neu in Sachsen-Anhalt nicht den Typus einer deutschen oder europäischen Mittelstadt, aber eben doch eine wesentliche und daher nicht zu vernachlässigende Komponente unserer jüngsten Geschichte.

Diese Ausstellung zeigt Malereien, die im Anschluss an Reisen nach Japan und Vietnam entstanden sind, und deshalb werden diese Bilder konfrontiert mit einem monumentalen Gemälde, das den Titel Ha-Neu trägt. Dieses bildet die kontrastierende Folie, vor welcher der gesamte Fächer der japanischen und der vietnamesischen Bilder vor uns ausgebreitet wird.

Ulrich Klieber hatte sich 1998 als Teilnehmer des Kobe-Memorial und 2000 zur Ausführung eines Kunst-am-Bau-Projekts am Osaka Art Space in Japan aufgehalten. In der Folge entstand über einen Zeitraum von zwei Jahren unter dem Obertitel Europe meets Japan ein umfangreicher Zyklus von Malereien, woraus hier eine kleine, aber repräsentative Auswahl zu sehen ist. – Wenden wir uns den zentralen Motiven der japanischen Bilder zu.

Um uns zu vermitteln, inwieweit in Japan den Füßen sowie dem Boden, auf dem dieselben stehen, eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, hat Klieber immer wieder seinen Blick nach unten gleiten lassen und in kleinen ausschnitthaften Szenen das Stehen und das Gehen, Schuhe, Sandalen und deren Spuren ins Bild gesetzt. Auch an den niederen Tischen, beim Sushi-Essen und beim Tee-Ritual, erscheinen die Füße mehr als beiläufig. Kliebers Beobachtungen gelten den Besonderheiten im Habitus, den Differenzen im Verhalten der Menschen, und es kann uns nicht entgehen, wie der Europäer den höflichen und zurückhaltenden Gastgebern Achtung zollt. Während der Japaner jeder Zeit Haltung bewahrt und sich in Geduld schickt, gelingt es dem Europäer mit seiner Ungeduld und einem gerüttelt Maß Arroganz kaum, sich in die ungewohnte Ordnung einzufinden. Gerade im ästhetischen Bereich werden die fernöstlichen Tugenden besonders augenfällig, wenn man in Japan zum Beispiel im Origami, der Kunst des Papierfaltens oder bei der Herstellung liebevoller Verpackungen, eine besondere Sensibilität für Material und Muster entwickelt hat. Um den Unterschied sichtbar zu machen, lässt Klieber den Europäer voreilig zur Schere greifen und das Blatt Papier kurzerhand zurechtstutzen, oder es wird zusammengeknüllt und weggeworfen. Auch dem Bonsai, der vom Japaner mit viel Hingabe zu seinem Kleinwuchs als einer ästhetisierten Form erzogen wird, ergeht es unter den grobschlächtigen Händen des Europäers nicht besser. Dabei kann es sogar geschehen, dass der Schere spitze Zähne wachsen, so dass sie an ein Raubtier erinnert.

Das großformatige Bild Rush-Hour zeigt, wie in einer Großstadt, wo sehr viele Menschen sich engste Räume teilen müssen, nur die Diszipliniertheit eines jeden Einzelnen ein Funktionieren des Alltäglichen erst möglich macht, wie aber auch der Einzelne in der Entfaltung seiner Persönlichkeit sehr viele Einschränkungen in Kauf nehmen muss bis hin zu einer Art Uniformierung im Berufsleben und einem Gleichtakt der Bewegungen.

Im letzten Jahrzehnt hat Ulrich Klieber eine spezifische Maltechnik und Bildsprache herausgebildet, die den japanischen Themen in besonderer Weise entgegenkommen und, wie zu zeigen sein wird, von diesen sogar Impulse zu einer Weiterentwicklung erhalten hat. Zunächst einmal lassen sich folgende Tendenzen ausmachen: Die anfangs plastisch modellierte Figur wird zunehmend stärker in die Malfläche gebunden, bis sie in einer quasi diagrafischen Zeichnung schließlich in die Ebene integriert ist. Zeichnung und Farbe werden voneinander getrennt und wie im Experiment vorgeführt. Dabei wird die Zeichnung oft in die noch frische Farbe zügig eingeritzt, so dass die Konsistenz des pastosen Materials sichtbar bleibt. Da die Zeichnung somit nicht auf dem Grund steht, sondern in diesem oder hinter diesem liegt, kommt es beim Betrachten aus wechselndem Abstand zu einem besonders reizvollen fluktuierenden Raumeindruck. – Die Farbe erscheint als Grundierung, als Grund, in den gezeichnet oder auf den gemalt wird. Dabei kann die Farbe auch als nur mäßig differenzierter Fleck neben der Zeichnung oder von dieser überschnitten liegen und vielfältigen Bedeutungen dienen. Modulationen entstehen nur ausnahmsweise dadurch, dass zwei oder mehrere Farbtöne miteinander vermalt werden, sondern durch das Übereinanderlegen diaphaner Schichten. Dabei hat es sicher auch Rückwirkungen von der keramischen Malerei auf die Tafelmalerei gegeben, die ebenfalls seit einem Jahrzehnt eine ständige Sparte in Kliebers künstlerischer Arbeit ausmacht. Zwei Beispiele sind hier in einer Vitrine zu sehen.

Der Kontakt mit japanischer Kunst, die ruhig komponierten Gärten, die Leichtigkeit und Schlichtheit der traditionellen Architektur mit den gerasterten Pergamentwänden und nicht zuletzt die konzentrierte Grafik der Kalligrafie – in alledem hat Klieber sogleich verwandtes Formdenken erkannt und adaptiert. Im Katalog Europe meets Japan und im Keramik-Katalog sind einschlägige Beispiele abgebildet.

Eine Tafelmalerei, die im Sinne der klassischen Moderne autonome Werke schafft, hat bei Klieber nie eine tragende Rolle gespielt. Schon früh hat er mit dem Montieren mehrer Tafeln experimentiert, diese bisweilen auch in den Raum hineinragen lassen, so dass das Werk ganz offensichtlich einen installativen Charakter annahm. Das komplexe Rasterbild und das Bildband ist eine Kompositionsform, die seit langem von Klieber genutzt und variiert wird. Dabei ist es keinesfalls so, dass das Mehrtafel-Bild eine Erfindung der Moderne wäre. Diese Bildform rekurriert auf das seit der Gotik übliche Polyptychon, das in unserer Zeit größere Freiheiten genießt und beispielsweise nicht mehr an das Prinzip der Symmetrie gebunden ist. – Mit der dezidierten Präsentation eines Polyptychons im Zentrum des Apsidenrundes spielt Klieber auf diese Tradition an. Die Position des Werkes steigert zweifellos dessen Wirkung und momentane Bedeutung, ohne ihm allerdings einen transzendentalen Rang im Sinne eines Altar-Retabels zu verleihen.

Serien von gleichformatigen Bildern lassen sich gruppenweise nebeneinander anordnen, so wie es hier der Fall ist, oder auch, was Ihnen frei stünde, natürlich auch in zwei oder mehr Reihen übereinander. In den komplexen Rasterbildern werden gleichartige und auch heterogene Elemente zusammengefügt, und die Fugen und Rahmenleisten zwischen den Einzeltafeln bilden zugleich wichtige kompositorische Markierungen. Ihr besonderer Reiz besteht darin, dass sie das Paradoxon vorführen, dass das Werk sichtbar aus Teilen besteht und dennoch eine unaufhebbare Einheit bildet. Das in Streifen angelegte Bild erinnert darüber hinaus an einen Comic-Strip, dem Klieber Sympathien entgegenbringt und mit dessen Mitteln er bereits Anfang der achtziger Jahr experimentiert hatte. Das Streifenbild muss aber nicht zwingend von links nach rechts gelesen werden; hier haben Sie als Betrachter größere Freiheiten und können mit alternativen Lesebewegungen experimentieren und dabei erproben, wie Bedeutungen sich wandeln.

Im Jahr 2000 war Ulrich Klieber von der University of Industrial Design in Hanoi eingeladen worden, um dort eine Gastdozentur wahrzunehmen. Danach sind Bilder entstanden, die deutlich werden lassen, um wie viel fremder uns Vietnam ist als Japan.

Obwohl Klieber in der Kaiserstadt Hue noch die Spuren der amerikanischen Bombenangriffe sehen konnte, spürte er keinerlei Resignation oder gar Hass bei den Menschen. Nicht nur ihre Anpassungsfähigkeit, sondern auch das Naturell einer heiteren Gelassenheit hat es den Vietnamesen ermöglicht, das Trauma des brutalen Vernichtungskrieges psychisch einigermaßen unversehrt zu überstehen. Die Wirkung der vietnamesischen Landschaft und seiner Menschen auf den europäischen Gast spiegeln sich auch in Kliebers Bildern wider. Sie sind bunt und farbenfroh, ohne uns oder den Amerikanern bei den Motiven irgend etwas zu schenken. Bezeichnenderweise ist Klieber gerade bei dieser Serie auf den Vergleich mit dem trojanischen Pferd gekommen. Das meint: Wenn wir uns dem Rausch der in leuchtenden Farben gemalten Bilder, ihrer Schönheit, hingegeben haben, öffnen sie ihr Inneres, um uns mit der Wahrheit ihrer Inhalte zu überfallen.

Im Militärmuseum von Hanoi begegnete Ulrich Klieber den Relikten einer militärisch scheinbar überlegenen Pop-Kultur, der es dennoch nicht gelungen war, ein freiheitsliebendes naturwüchsiges Volk zu vernichten. Klieber sagt uns nicht, ob Amerika wegen seiner Arroganz oder auf Grund einer Unterschätzung des vietnamesischen Überlebenswillens diesen Krieg nicht gewinnen konnte. Allerdings sind die Bilder von einer bedrängenden Aktualität, der wir uns kaum entziehen können. Die schemenhaft gezeichneten Bomberverbände, die wie bösartige Rieseninsekten ihre Tod bringenden Exkremente vom Himmel fallen lassen, wecken die Erinnerung an die Fernsehbilder aus den siebziger Jahren. Vor unserem geistigen Auge folgt, einer inneren Logik gehorchend, auf den Pop-Krieg gegen Vietnam der Medienkrieg am Golf, und einer Fortsetzung der Vernichtungsaktionen können wir nur mit Schaudern entgegensehen. Es dürfte als bekannt gelten und muss deshalb nicht weiter erläutert werden, dass hinter all diesen Kriegen massive ökonomische Interessen stehen.

Besonders irritierend wirkt das Bild Hanoi-Hilton, das Klieber nur wenige Tage vor dem Anschlag auf die Twin-Towers in Manhattan vollendet hatte. Bei dem Bauwerk, das eigentlich Maison Central heißt, handelt es sich nicht etwa um ein Hotel, sondern um das Zuchthaus, das lediglich im Volksmund Hanoi-Hilton heißt. Magischem Denken sollten wir so wenig folgen wie der Künstler, dem am 11. September selber der Schock in die Glieder fuhr. Klieber besitzt keine übersinnlichen Fähigkeiten; – es gibt Künstler, die weniger Scheu haben als wir, das Schreckliche und das Furchtbare zu denken und im Bild zu realisieren, noch bevor es geschieht. Das hat also nichts mit Hellseherei zu tun.

Neben der Kriegsthematik nimmt das Alltagsgenre in Kliebers Vietnam-Bildern eine breiten Raum ein. Diese Werkgruppe spiegelt zum einen Stationen einer Reise wider, wirft aber auch repräsentative Schlaglichter auf eine uns fremde Kultur. – Einmal im Jahr werden in Vietnam am Tag des Lehrers die Lehrkräfte von ihren Schülern geehrt, und an den lobenden Reden sowie den kleineren und größeren Geschenken erkennt man, welche Wertschätzung der Einzelne genießt. Ich glaube nicht, dass wir uns ein derartiges sozialistisches Ritual in Mitteleuropa wünschen. Dass allerdings die Lehrer auch bei uns ein besseres Image genössen, das auch nach außen hin sichtbar würde, das wäre durchaus erstrebenswert. Aber das ist ein anderes Thema, das Sie mir an dieser Stelle bitte erlassen mögen.

Private Invitation ist ein heiter-ironisches Bild, das auf zwei übereinandermontierten Tafeln die gleiche Situation einmal malerisch und dann grafisch zeigt. Die Gäste aus Deutschland haben eine Klasse von Holzschneidern besucht, die in einem ehemaligen Tempel ihre Werkstatt aufgeschlagen haben. Lehrer, Schüler und Gäste sitzen, knien oder hocken am Boden; während die einen emsig und konzentriert arbeiten, sind die anderen vor allem mit dem Ertragen der unbequemen Körperhaltung beschäftigt.

Auch mit dem Gemälde Vortrag verbindet sich eine ironische Note, die sogar zum Schmunzeln einlädt. Beim Besuch einer Fachschule wurde der Gast vom Direktor gefragt, ob er wohl die Freundlichkeit besäße, in einem kleinen Vortrag über die Situation des Kunsthandwerks in Deutschland zu berichten. Als der improvisationsbereite Redner die Bühne über eine Hintertreppe bestieg, sah er vor sich ein erwartungsvolles, vielhundertköpfiges Auditorium.

Das aus drei schmalen und einer breiteren Tafel bestehende Polyptychon mit dem Titel Good Morning Vietnam geht auf Beobachtungen zurück, die Klieber bei einer längeren Überlandfahrt mit dem Bus gesammelt hatte. Hauptfigur ist ein fast schwerelos schreitender Lastenträger, der sich im lichten Grund aufzulösen scheint und der nur durch kleinste aber sehr wirkungsvolle Farbakzente belebt wird. Die im Hintergrund grafisch angedeuteten Reispflänzchen werden auf der benachbarten Tafel noch einmal als Reisfeld thematisiert. Ganz links behauptet der stundenlange Dauerregen mit einer großen blauen Wasserlache seinen dominierenden Stimmungswert. Die Fische auf der rechten Seite greifen das durchgängige Motiv des Wassers auf und bilden zugleich einen Kontrapunkt zu Mensch und Pflanze.

Überblicken wir diese Ausstellung und lassen zugleich die Entwicklung des gesamten Oeuvres Revue passieren, dann zeigt es sich, dass Ulrich Klieber seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die visuelle, sondern zunehmend auch auf die gesellschaftliche Realität richtet. Das Wahrgenommene wird nicht einfach faktisch dokumentiert, sondern dergestalt in eine pointierte Form gebracht, dass sie unweigerlich unsere Beachtung findet. – Klieber ist inzwischen zum politischen Künstler herangereift. In der aktuellen Situation müssen wir allerdings betonen, dass damit keine parteipolitische Ausrichtung gemeint ist, sondern eine Haltung, die anschauliche Situationen beobachtet, analysiert und zu denen Klieber Stellung bezieht – ohne Mandat, jedoch im vollen Bewusstsein seiner gesellschaftlichen Verantwortung.

Da Ulrich Klieber die ernsthaften Inhalte seiner Werke in eine Form gießt, die in geradezu plakativer Unbekümmertheit daherkommt und auch nicht das Dekorative scheut, steht diese Kunst mitten in unserer Zeit. Ich hoffe sehr, Sie ein wenig neugierig gemacht zu haben auf weitere Beobachtungen, die Sie bei nachfolgenden Besuchen sogar bis Anfang November vertiefen können.