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Ulrich Klieber: Mythos Kuba – Vietnam                                                                                 

Galerie Barbara Vogt, Hamburg 09.05. – 28.06.2003. Zur Eröffnung am 09.05.2003

Die Aufgabe des traditionellen Mythos-Begriffs war es, die Erzählungen von Göttern und Heroen zur Sprache zu bringen. Im 20. Jahrhundert ist auch der Mythos in der Gegenwart angekommen, was wir nicht nur der Arbeit des französischen Philosophen Roland Barthes verdanken, sondern auch ein Produkt der Pop-Kultur ist. Die Erhebung zum Mythos fand zum Beispiel bei Andy Warhol, bei Marilyn Monroe oder Joseph Beuys bereits zu Lebzeiten statt, und eine vergleichbare Verklärung erfuhren auch Che Guevara und Fidel Castro. Die Mythisierung enthebt eine Person ihrer alltäglichen Bedingtheiten, macht sie zu einer Art Idol, dem man nachträumen kann, auf das man Wünsche und Sehnsüchte projizieren kann. Insofern handelt es sich bei derartigen gesellschaftlichen Prozessen um antiaufklärerische Tendenzen, die jedoch von höchster künstlerischer Brisanz sind. Einerseits also wird das kritische Denken und Urteilen zurückgedrängt, andererseits fördert die Mythenbildung das alternative Denken und Sehen. Sie befähigt zu experimentellem Verhalten, und sie ist geeignet, dogmatische Blockaden aufzulösen und Konventionen der Lächerlichkeit preis zu geben. In seinem Liedtext »Gebt den Kindern das Kommando ...« hatte Herbert Grönemeyer auf vorbildhafte Weise einen solcherart subversiven Versuch unternommen.

Während in der angloamerikanischen Pop Art nur alles schön bunt und unkompliziert sein musste, weiß die späte kontinental-europäische Popkultur in unseren Tagen die farbenfrohe Leichtigkeit durchaus mit einer kritischen Note zu verbinden. Hierfür kann sowohl die künstlerische Position als auch das Gesamtwerk von Ulrich Klieber durchaus exemplarisch stehen. In allen seinen Werkphasen und Motivreihen hat Klieber es verstanden, jedes Thema seinem künstlerischen Wertesystem zu unterstellen – unabhängig davon, ob er in einer Schaffensphase den Schwerpunkt mehr auf grafische oder malerische Werte legte oder ob er seine Intentionen der Fläche verpflichtete oder durch diese den Raum erobern ließ. Allemal hatte die Kunst inhaltlichen Anspruch mit einem gewissen Unterhaltungscharakter zu verbinden, formale Strenge mit einem dekorativen Augenzwinkern, moralischen Ernst mit einem feinen Humor. Jenes exotisch anmutende Gemisch von Düften, das wir gerne auf uns einwirken lassen, weil es irgendwie very british anmutet, hat in der Tat seinen Anfang im Ausgang der 1970er Jahre bei mehreren Studienaufenthalten in London genommen. Die spezifische Atmosphäre im englischen Lehrbetrieb, die Welt der Virginia Woolf und das Leben in Covent Garden hat Klieber, sofern dies noch keine Mythen waren, spätestens durch die Übersetzung in seine Bildsprache zu solchen gemacht.

Auch aus dem Genre der Reisebilder, die bekanntermaßen seit dem 17. Jahrhundert Aufklärung mit Unterhaltung zu verbinden hatten und sich schließlich nur noch in der Hotelbild- und Kaufhausmalerei und auch nur noch als so genannte Kunst halten konnte – dieses Genre hat Klieber mit einem Schlag vom Kopf auf die Füße gestellt. Für einen Hochschullehrer sind Kuba und Vietnam als Reiseländer eigentlich Antiziele. Üblicherweise arrangiert man sich mit den Universitäten und Akademien der traditionsreichen Metropolen, auf dass der Widerschein ihres Glanzes auf einen selbst zurückfalle. Doch an Orten jenseits des Massentourismus kann man noch wirkliche Entdeckungen machen, und der Mythos kann in Realität zurückverwandelt werden.

Anlass zu der Reise nach Vietnam im Jahr 2000 war für Ulrich Klieber eine Einladung durch die University of Industrial Design in Hanoi zur Übernahme einer Gastdozentur. Dabei waren es zwei Ebenen der Wirklichkeit, die dem Künstler Motive für eine neue Werkphase lieferten. Es ist zum einen die alltägliche Lebenswelt der Menschen, die beim Westeuropäer in ihrer Befremdlichkeit besondere Aufmerksamkeit hervorruft, und es sind zum anderen die mannigfachen Spuren der jüngsten Geschichte, die nicht nur in Museen aufbewahrt werden, sondern auch im Straßenbild der Städte wahrzunehmen sind.

Was macht die politische Identität von Vietnam aus? Klieber beantwortet diese Frage in Gestalt eines aus mehreren kleinen Tafeln zusammengesetzten Flaggenbildes. Hier in der Ausstellung finden Sie einen Keramikteller mit derselben Thematik. Die vietnamesische Flagge mit dem gelben Stern auf rotem Grund bildet mit vier weiteren Flaggen eine Art Kreisverkehr. Die Tricolore mit dem Schriftzug Bonjour erinnert an die französische Kolonialherrschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der DDR-Flagge mit einem strammen Guten Morgen Genossen holt uns unsere eigene jüngste Vergangenheit ein, und jeder deutsche Besucher profitiert noch heute von den guten Erfahrungen, welche die Vietnamesen mit ihren sozialistischen deutschen Freunden ehemals gemacht hatten. Die mit dem Gruß Good morning Mr. Clinton versehene US-Flagge zeigt, dass die Weltmacht von Pop trotz ihres ruhmlosen Abgangs immer noch eine unübersehbare Faszination auf dieses Land ausübt. So wird in den Souvenir-Läden nicht nur vietnamesisches Kunsthandwerk angeboten – alles very antic – sondern neben Buddha-Statuen in allen Größen auch Büsten und Bilder von Uncle Ho. Kreditkarten und Dollarnoten sind gleichermaßen willkommen, so erfahren wir.

Obwohl in der Kaiserstadt Hué noch die Folgen der amerikanischen Bombenangriffe zu sehen sind, scheinen die Menschen keinerlei Ablehnung gegen Europäer zu hegen. Nicht nur ihre Anpassungsfähigkeit, sondern auch das Naturell einer heiteren Gelassenheit hat es den Vietnamesen ermöglicht, das Trauma des brutalen Vernichtungskrieges psychisch einigermaßen unversehrt zu überstehen. Die Wirkung der vietnamesischen Landschaft und seiner Menschen auf den europäischen Gast spiegeln sich auch in Kliebers Bildern wider. Sie sind bunt und farbenfroh, ohne uns oder den Amerikanern bei den Motiven irgend etwas zu schenken.

Im Militärmuseum von Hanoi begegnete Ulrich Klieber den Relikten einer militärisch scheinbar überlegenen Pop-Kultur, der es dennoch nicht gelungen war, ein freiheitsliebendes naturwüchsiges Volk zu beugen. Klieber sagt uns nicht, ob Amerika wegen seiner Arroganz oder auf Grund einer Unterschätzung des vietnamesischen Überlebenswillens diesen Krieg nicht gewinnen konnte. Allerdings sind die Bilder von einer bedrängenden Aktualität, der wir uns kaum entziehen können. Und nach dem Ende des Irak-Krieges drängt sich die Frage auf, welche Kriege die USA noch führen müssen, bis ihr Selbstbewusstsein so weit gestärkt ist, dass sie bereit sind, Menschen anderer Kulturen nach ihrer eigenen Fasson ihr Leben einrichten zu lassen. Im übrigen dürfte es als bekannt gelten und muss deshalb nicht weiter erläutert werden, dass hinter all diesen so genannten Befriedungsaktionen massive ökonomische Interessen stehen.

Neben der Kriegsthematik nimmt das Alltagsgenre in Kliebers Vietnam-Bildern eine breiten Raum ein. Diese Werkgruppe spiegelt Stationen einer Reise wider und wirft bezeichnende Schlaglichter auf eine uns fremde Kultur. – Wie es vor dem Zusammenbruch des Ostblocks in allen kommunistischen Ländern üblich war, werden in Vietnam noch heute einmal im Jahr am Tag des Lehrers die Lehrkräfte von ihren Schülern geehrt, und an den lobenden Reden sowie den kleineren und größeren Geschenken erkennt man, welche Wertschätzung der Einzelne genießt. Ich glaube nicht, dass wir uns ein derartiges sozialistisches Ritual in Mitteleuropa wünschen. Dass allerdings die Lehrer auch bei uns ein besseres Image genössen, das auch nach außen hin sichtbar würde, das wäre durchaus wünschenswert.

Nach Kuba ist Ulrich Klieber gänzlich aus eigener Initiative gekommen, das heißt als privater Tourist, aber in der Absicht, auch hier an alte Kontakte, die während der DDR-Aera bestanden hatten, anzuknüpfen und diese unter den veränderten weltpolitischen Bedingungen zu erneuern.

Bei seiner Reise hat er Varadero, Havanna, San Francisco de Paula, Cienfuegos, die Schweinebucht, Trinidad und Santa Clara aufgesucht, hat die Menschen im Alltag beobachtet, und er hat die Architektur als ein Geschichtsbuch der letzten beiden Jahrhunderte zu lesen gelernt. Die Vielzahl der visuellen Eindrücke wurden von ihm nicht nur in der Vorstellung aufbewahrt, sondern auch in einer umfangreichen Fotoserie dokumentiert. Beide Quellen dienten ihm als Fundus, auf den er zugreifen konnte, als er unmittelbar nach der Reise begann, eine neue Werkgruppe zu schaffen, aus der hier zentrale Werke zu sehen sind und die auch in dem neuesten Katalog dokumentiert sind.

Die jüngste Geschichte Kubas ist untrennbar mit den Gestalten von Che Guevara und Fidel Castro verbunden. In einem komplexen siebenteiligen Bildarrangement hat Klieber dem Mythos eine sichtbare Form gegeben. Wir sehen die strahlende Silhouette Ches, der sich gerade eine Havanna anzündet – über ihm zwei Bündel Zigarren, jeweils versehen mit einer glimmenden Zündschnur, welche die Vorstellung von Dynamitsprengsätzen entstehen lässt. Auf der anderen Seite erkennen wir den ergrauten Revolutionsführer Fidel, der vor einem Wald von Mikrofonen den Papst begrüßt, welcher seinerseits mit einem schwach hingehauchten »Si« antwortet. Die us-amerkanische Parole »Enemy country« ist allgegenwärtig, und wir ahnen, dass ihre bedrohliche Präsenz eher zunehmen wird – und dass sie einer toleranten Koexistenz weichen könnte, dürfte sich bald als frommer Wunsch entpuppen.

Das Bildmotiv auf der Einladungskarte wird Ihnen sogleich ins Auge gefallen sein, und Sie werden sich gefragt haben – sofern Sie nicht bereits in Kuba waren – was es mit dem »Sklaven-Hund« auf sich habe. Skulpturen von Wachhunden mit kupierten Ohren und kupiertem Schwanz gehören zum Straßenbild von Trinidat, dem großen Umschlagplatz des Sklavenhandels im 19. Jahrhundert. Klieber hat in einem Bild einen dieser anonymen Wächter zum Leben erweckt, indem er ihn mit scharfen, blutig roten Krallen und einem aufmerksamen Blick versah. Zum »Symbol of the City« gesellen sich die »Colours of the City«, die emblematische Buntheit der renovierten Häuser aus der Kolonialzeit.

Heute glaubt übrigens niemand mehr, dass Hemingway aus Liebe zum Sozialismus nach Kuba gegangen sei. Mit dem großen Propeller des Ventilators bringt Klieber frischen Wind in die abgestandenen Legenden und klärt uns darüber auf, dass der lebhafte Kulturaustausch zwischen den USA und Kuba lediglich darin bestanden hat, dass der Frauenheld und Großwildjäger vor der Prohibition geflohen war.

Ulrich Klieber hat eine spezifische Maltechnik und Bildsprache herausgebildet, die man bei den hier ausgestellten Arbeiten eindrucksvoll studieren kann. Folgende Tendenzen lassen sich ausmachen: Die anfangs plastisch modellierte Figur wird zunehmend stärker in die Malfläche gebunden, bis sie in einer quasi diagrafischen Zeichnung in die Ebene integriert ist. Zeichnung und Farbe werden voneinander getrennt und wie in einem Experiment vorgeführt. Dabei wird die Zeichnung oft in die noch frische Farbe zügig eingeritzt, so dass die Konsistenz des pastosen Materials sichtbar bleibt. Da die Zeichnung somit nicht auf dem Grund steht, sondern in diesem oder hinter diesem liegt, kommt es beim Betrachten aus wechselndem Abstand zu einem besonders reizvollen mehrdeutigen Raumeindruck. – Die Farbe erscheint als Grundierung, als Grund, in den gezeichnet oder auf den gemalt wird. Dabei kann die Farbe auch als nur mäßig differenzierter Fleck neben der Zeichnung oder von dieser überschnitten liegen und vielfältigen Bedeutungen dienen. Modulationen entstehen nur ausnahmsweise dadurch, dass zwei oder mehrere Farbtöne miteinander vermalt werden, vor allem aber durch das Übereinanderlegen transparenter Schichten. Dabei hat es sicher auch Rückwirkungen von der keramischen Malerei auf die Tafelmalerei gegeben, die ebenfalls seit einem Jahrzehnt eine ständige Sparte in Kliebers künstlerischer Arbeit ausmacht.

Das traditionelle Tafelbild als Fensterausblick oder auch als autonome flache Tafel im Sinne der klassischen Moderne hat bei Klieber nie eine bedeutende Rolle gespielt. Schon früh hat er mit dem Montieren mehrerer Tafeln experimentiert, diese bisweilen auch in den Raum hineinragen lassen, so dass das Werk einen installativen Charakter annahm. Das komplexe Rasterbild und das Bildband sind Kompositionsformen, die seit langem von Klieber genutzt und variiert werden. Dabei ist es keinesfalls so, dass das mehrteilige Gemälde eine Erfindung der Moderne wäre. Vielmehr geht diese Bildform auf den gotischen Wandelaltar zurück.

Serien von gleichformatigen Bildern lassen sich gruppenweise nebeneinander anordnen, so wie es hier der Fall ist – oder auch in zwei oder mehr Reihen übereinander. In den komplexen Rasterbildern werden gleichartige und auch heterogene Elemente zusammengefügt, und die Fugen und Rahmenleisten zwischen den Einzeltafeln bilden zugleich wichtige kompositorische Markierungen. Ihr besonderer Reiz besteht darin, dass das Werk sichtbar aus Teilen besteht und dennoch eine zweifelsfreie Einheit bildet. Das in Streifen angelegte Bild erinnert im übrigen an einen Comic-Strip, dem Klieber viel Sympathie entgegenbringt und mit dessen Mitteln er bereits Anfang der achtziger Jahr experimentiert hatte.

Ulrich Klieber ist Maler, und seine Werke drängen in den Raum. Hierin besteht kein wirklicher Widerspruch, und dies zeigt sich nicht nur an den aus mehreren Teilen bestehenden Bildern, sondern Sie können das sehr schön an der kleinen Keramik mit dem Titel »Multi-Culti« ablesen. Einzelne in Fayence bemalte Platten tragen als Bildmotive nurmehr Details, die, in wechselnden Bildwinkeln einander zugeordnet, einen räumlich differenzierten und bewegten kompositorischen Zusammenhang bilden. In vergleichbarer Weise hat Klieber an öffentlichen Gebäuden in Süddeutschland, an der französischen Riviera und neuerdings auch in Japan monumentale architekturbezogene Arbeiten realisiert. – Natürlich würde ich den bekanntermaßen weltoffenen Hanseaten wünschen, auch einmal so etwas Schönes zu bekommen. Aber wie Sie wissen, gehen derartigen Kunst-am-Bau-Projekten langwierige Planungs- und Entscheidungsprozesse voraus. Insofern ist es tröstlich zu wissen, dass Sie fast alle hier ausgestellten Arbeiten erwerben und ab Ende Juni direkt in Ihren Besitz übernehmen können.