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Ulrich Klieber: Domestic Scenes

Kunstverein Das Damianstor Bruchsal e.V. Zur Ausstellungseröffnung am 09.11.2003

Vielleicht hat die Einladung andere Erwartungen und andere Bildvorstellungen bei Ihnen geweckt, und Sie sind möglicherweise erstaunt über das, was Sie nun hier zu sehen bekommen. Wenn Sie den Ausstellungstitel “Domestic Scenes“, dem übrigens auch zahlreiche Bildtitel entsprechen, für sich mit „häusliche Szenen“ oder auch „Szenen aus dem Familienleben“ übersetzt heben, dann liegen Sie gar nicht ganz falsch, selbst wenn Sie nun Menschenbilder in Aktion und Kommunikation vermissen, wenn Sie doch nur Stillleben zu sehen meinen und keine Geschichten, keine Dramen.

Ja, das wissen wir doch, dass die wirklichen Krimis nicht im Fernsehen laufen und sich auch nicht auf der Theaterbühne vollziehen, sondern im Alltag und zwar sowohl auf der für alle sichtbaren politischen Bühne und nota bene – zu Hause. Und hier spielen wir alle mit – mal in Haupt- und mal in Nebenrollen. Die Stücke des Theaters haben einen Autor, einen Titel, einen Anfang und einen Schluss. Die häuslichen Szenen beginnen, bevor wir dessen gewahr werden, und wir wissen nie, wann sie enden und wie sie ausgehen. Und dann gibt es noch einen wichtigen Unterschied: Die häuslichen Szenen leben nicht vorwiegend aus der Sprache, sie sind kein Sprechtheater. Gewiss, da wird auch gesprochen, aber vor allem wird gehandelt, es gibt Blicke und Gesten, und es gibt das große und beredte Schweigen. Alles hat Bedeutung, und der Sinn steht in der Regel zwischen den Zeilen. Wenn dann unversehens ein Gefäß zerbricht, wenn ein Faden reißt, dann wird mit einem einfachen Hauptsatz der Wahrheit die Ehre gegeben. Die Akteure erheben sich und verlassen die Bühne nach beiden Seiten. Zurück bleiben die Dinge als Relikte der Menschen und als Zeugen ihrer unvollendeten Kommunikation.

Im Krimi schlägt nun die Stunde des Kommissars, der die Spuren sichert und die Handlungen rekonstruiert. Er findet einen Schuldigen, vielleicht sogar einen Mörder wie auf einigen Bildern von René Magritte. Aber bei Ulrich Kliebers „Domestic Scenes“ handelt es sich, Sie haben es längst erkannt, um Stillleben – französisch nature morte. Und wir finden in jener toten Natur – das ist durchaus kein Paradoxon – das ganze Leben!

Wie also sollen wir uns diesen Gemälden auf Leinwand und Collagen auf Papier in angemessener Weise nähern? Jedenfalls nicht wie der Kommissar, der einzig nach den biografischen bzw. autobiografischen Spuren sucht. Natürlich wirft jeder Künstler seine Persönlichkeit in die Waagschale, er entblößt sich gleichsam vor dem Publikum. Doch soll das Resultat den Tag überdauern, so muss das Werk auf ein Allgemeines verweisen – es sollte zum Beispiel einen Reflex auf mich, auf Sie, auf unsere Zeit, auf unsere Gesellschaft werfen. Es geht also nicht um das Gerede, um das immanente Hier und Jetzt, sondern es geht immer um die Transzendenz der alltäglichen kleinen Ereignisse.

Nehmen wir ein erstes Beispiel, damit wir uns besser verstehen. Im oberen Stockwerk gibt zwei große Bildtafeln mit dem Titel „Oh Tannenbaum“. Der Titel signalisiert Besinnlichkeit, doch ein erster Blick auf die comicartig aneinander gereihten Einzeltafeln verweist auf eine ironische Brechung. Wir sehen die vertrauten Silhouetten dunkler Tannen, Details mit Glaskugeln, Wachkerzen und Wunderkerzen an Zweigen, plötzlich aufflammendes Feuer und die geistesgegenwärtige Löschaktion mit einem Glas Wasser. Geräuschlos fallende Schneeflocken wollen uns weis machen, dass die Idylle gerettet ist, dass es nur eine Mini-Katastrophe war. Aber die grellen Farbfelder in gelb, rot, blau, schwarz und weiß haben uns aufgeschreckt, und wir tun gut daran, dem Frieden nicht mehr zu trauen. Das Spiel mit dem Feuer – das ist eine vertraute Metapher, die mit einer Episoden nicht zu den Akten gelegt werden kann.

Wenn sich Besuch ansagt, räumen wir ein wenig auf im Wohn- und Essbereich unserer Wohnung. Tun Sie das auch? Was für die Maler des 17., des 18. und des 19. Jahrhunderts die malerische Unordnung einer Bauernstube war, die in der Vielfalt Dinge, die von goldgelbem Licht in tonig gedämpfte Farbigkeit getaucht war, wunderschön gemütlich anmutete – das lässt sich nicht in das 21. Jahrhundert retten. Auch unsere Lebensräume sind im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewachsen zu dem, was sie nun sind. Vor allem ist immer Bewegung in dem Hauptwohnraum, wo man isst, wo man fernsieht und wo die tägliche Hausarbeit erledigt wird. Außerhalb von Besuchsterminen ergeben sich so von Tag zu Tag wechselnde Bilder mit menschlichen Lebensspuren. Und die vielen nützlichen Dinge, die nicht im Schaufenster oder Farbprospekt eines Möbelhauses abgebildet werden, spielen mit einem Male die Hauptrolle. Da wird schnell ein Wäschetrockner aufgeklappt, damit ein paar Handtücher aufgehängt werden können. Das Bügeleisen dampft auf dem Bügelbrett vor sich hin, weil die Hausfrau oder der Hausmann zum Telefon gerufen worden ist. Neben fertig gebügelten Hemden warten Kleiderbügel, die sich in ihrer wechselnden Stofflichkeit und Herkunft präsentieren, darauf, weitere Kleidungstücke in der genormten Form menschlicher Schultern zu konservieren, während das Fernsehgerät sich in der Mitte des Raums breit macht. Jedes Ding sagt etwas von seiner Herkunft und seinem Versprechen, die Eigentümer mit einem positiven Image zu versehen, ihnen Liebe, Glück und Ansehen zu bescheren. Obwohl exklusive Design-Stücke mit solchen aus dem Baumarkt wechseln, glauben die Bewohner doch unerschütterlich, in einer gemütlichen Wohnung zu leben. Dies alles sehen und schließen wir schon aus der Bildsprache, doch die verbalen Hinweise in Gestalt gestempelter Begriffe wie „exclusive, selfmade, cheap“ und so weiter infizieren das Ganze mit einem Schuss bissigen Humors.

Mehrfach taucht in Bildern ein Tischfußballspiel auf, wobei einer der Spieler gegen die Regel einen Spielstab rotieren lässt, um ein Tor zu verhindern. Der Schriftzug „Fair Play“ ist als Mahnung und Forderung zu verstehen, welche beide natürlich den Bereich des Spiels überschreiten. – Wenn das Spiel nicht unversehens in den Ernstfall umschlägt, so meint es diesen doch immer; es stellt ein Modell desselben dar. Somit plädiert der Künstler für einen fairen Umgang der Menschen untereinander. Die Accessoires und sonstigen Dinge werden als Stellvertreter, als Kostüm und Maske auf die Kunstbühne geschickt, und sie repräsentieren die wirklichen Akteure auf der Lebensbühne.

Auch die Schuhe und weitere Kleidungsstücke sind mehr als tote Dinge; gerade sie können besser als irgend etwas anderes ihre Träger und Trägerinnen repräsentieren, so dass auch den Werbeversprechen eine spezifische Bedeutung zukommt. Offensichtlich bezweifelt der Künstler die Aussage des Werbetextes, der mehr Sicherheit durch eine Doppelnaht hervorhebt. „Sicherheit gibt es nicht!“ Kontert er, und welcher Sinn in den beigefügten Schuhspannern zukommt, dürfen wir erraten.

Zur dominierenden Gruppe der Beziehungsbilder gehört auch das kleine Familienbild, bei dem der Stempelkasten als Metapher dient, um die Einzelpersonen vor unseren Augen buchstabierend erstehen zu lassen. Am Ende bietet der geplünderte Setzkasten einen verheerenden Eindruck, dem sich kein Sinn mehr abringen lässt. Anstelle eines ausformulierten Selbstbekenntnisses kann der Künstler, der sich plötzlich wie ausgebrannt fühlt, nur noch mit dem eigenen Daumen als Druckstock seine urtümliche Spur hinterlassen.

Ein aus 27 kleinen Tafeln bestehendes Bild im Obergeschoss von etwa 6 m Länge stellt eine Art Murnauer Tagebuch dar. Die Einzelbilder, die Datumsangaben aus dem Mai und Juni diesen Jahres tragen, vereinigen alle Motivgattungen sowie die unterschiedlichen Perspektiven von der Makroansicht einer Eintrittskarte oder von Zeitungsausschnitten über mittlere Distanzen von Stillleben und Figur, bis der Blick sich aus dem Fenster wendend das Weite sucht und endlich am Horizont des Murnauer Mooses einen Haltepunkt findet. Weitere Fixpunkte bilden Bücher, die niemals nur nebenbei erscheinen, sondern immer das Format füllend sich behaupten. Die monumentale Tafel gibt demnach ein lebhaftes Bild von den Zeitabläufen in Murnau: Der Blick auf die Landschaft und das Malen sind eins, und sie füllen den überwiegenden Teil des Tages aus, unterbrochen von alltäglichen Verrichtungen wie Essen und Zeitung lesen, gelegentlichen Wanderungen oder als besonderes Ereignis, einen Abstecher nach München zu einem Rock-Konzert. Mit ausgedehnter Lektüre wird der Tag abgeschlossen.

Wie wichtig für Klieber der Umgang mit Büchern und die Lektüre ist, zeigt sich daran, dass er seit einem Jahr eine Vielzahl von Bücher-Stillleben gemalt hat: Bücherstapel, aufgeschlagene Bücher und vor allem solche, die, mit einem lakonischen Kommentar versehen, eine Brücke zur momentanen subjektiven Stimmung oder zur allgemeinen Lage bilden. Nahezu wöchentlich ist Klieber zwischen seinen drei Wohnsitzen, der Kunstakademie in Halle, dem Atelier und der Familie in Adelberg (nahe Göppingen) sowie dem Haus in Murnau unterwegs. Und während der langen Bahnfahrten begleiten ihn mehr innere Bilder als reale und vor allem seine Bücher.

Gerade die Bücherstilleben zeigen, wie weit Klieber sich vom traditionellen Stillleben entfernt hat. Dieses hatte vom ausgehenden 16. bis ins beginnende 19. Jahrhundert hinein die Aufgabe, die Illusion von Stofflichkeit zu erzeugen und damit die Scheinhaftigkeit und Vergänglichkeit sinnfällig zu machen. Alles ist eitel, alles ist vergänglich – von der punkvollen Mahlzeit über die Reichtümer kurioser und kostbarer Antiquitäten, von Büchern und Musikinstrumenten bis zu den allerschönsten Früchten und Blumen. Und mit dieser Einsicht verband sich die religiöse Botschaft des memento mori – gedenke, dass du sterben musst!

Die Dinge in Kliebers stilllebenartigen Bildern wollen auf keine alternative Existenzform verweisen. Wir bleiben immer in unserer eigenen Zeit und unserem aktuellen Sein. Bücher sind sogar mit einer ausgesprochen positiven Konnotation verbunden. Ähnlich dürfte es sich mit dem gelben Designtisch und dem sich tarnenden Bananenbündel verhalten. Andere Dinge dürften wertneutral sein. Was sollte auch grundsätzlich gegen die Existenz von Ketschup einzuwenden sein? Aber der barbarische Umgang damit, wie Klieber ihn bei der Toscana-Connection beobachtet, wird angeprangert.

- - - Ich habe bisher fast ausschließlich über die Inhaltsebene der ausgestellten Werke gesprochen, weil ich überzeugt bin, dass dieser Zugang sehr wichtig ist. Doch könnte man sicher ähnliche Formulierungen auch auf realistische Malereien und Fotografien anwenden. Insofern ist es notwendig, dass wir uns nun mit den Herstellungsprozessen und den Materialien befassen. Fragen wir also: Was macht das Besondere und das Unverwechselbare an der Bildsprache und der Arbeitsweise von Ulrich Klieber aus? Kürzlich sinnierte Rosemarie Vollmer, ob man Ulrich Klieber wohl als einen grafischen Koloristen bezeichnen könne. Mit dieser Formulierung hat sie sicher einen wichtigen Zug in Kliebers künstlerischer Arbeit getroffen, denn es geht in der Tat um das besondere Verhältnis zwischen der Farbe und der Zeichnung, zwischen dem Malerischen und dem Grafischen. Im Gegensatz zu den malerischen Malern ereignet sich bei Klieber das Malen im Vorfeld der Zeichnung und des Motivs, es bricht in Schüben ein, konterkariert und akzentuiert auch gelegentlich die grafische Struktur. Klieber hat sich die Autonomie des Malerischen bewahrt, wenn er in ungestümem Duktus ein Farbfeld monochrom oder modulierend anlegt. Die Zeichnung wiederum respektiert nicht etwa die farbige Fläche, sondern gräbt sich als Bleistiftspur in die pastose Masse ein, zerschlitzt gar in Gestalt einer Messerspitze noch in den weißen Karton und überschreitet die Grenzen der Farbform.

Die Rivalität zwischen Zeichnung und Malerei hat eine lange Geschichte, die mit der Gründung der ersten Kunstakademie beginnt. Bezeichnenderweise war dies die auf Anregung von Giorgio Vasari 1563 in Florenz gegründete Accademia del Disegno. Sehen wir von Rembrandt, Goya, Turner und einigen weiteren Ausnahmen ab, so beherrschte die Zeichnung die Farbe bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus. Die Befreiung der Farbe bis zu ihrer nahezu absoluten Autonomie trieb im Informell und in der Monochromie bisweilen kuriose Blüten, so dass man sich an eine Emanze erinnert fühlt, die meint, sie könne sich nur selbst verwirklichen, wenn sie ihren Ehemann zum Teufel jagt.

Nichts liegt Ulrich Klieber ferner als derartige Orthodoxien. Er lässt sowohl die Farbe als auch die Zeichnung von der Leine, selbst um den Preis, dass bisweilen die Fetzen fliegen. Die Freiheit der Kunst, Toleranz im menschlichen Umgang sind ihm die höheren Werte, die er nie und nimmer auf dem Altar von Prinzipien und Sekundärtugenden zu opfern bereit wäre.

So können bei ihm von unten nach oben farbige und auch wieder grafische Initiativen aufeinander folgen, und in differenzierten, mal mehr opaken, mal mehr transparenten Schichten legen sich farbige Teppiche und Schleier übereinander, so dass die dritte Dimension vor allem in den Farbräumen sich zu dehnen beginnt. Nach allen Regeln und dann auch wieder gegen alle Regeln einer traditionellen Maltechnik scheut Klieber sich nicht, sowohl hell über dunkel als auch dunkel über hell, fett auf mager und auch mager auf fett zu malen. Im Gegensatz zu einer Malerei mit Ölfarben halten die hochwertigen Acrylfarben das aus. Es entwickeln sich neue und überraschende Valeurs, und der Arbeitsprozess bleibt für den aufmerksamen Beobachter jederzeit ablesbar.

Blicken wir auf Ulrich Kliebers Oeuvre zurück, wie es sich innerhalb der letzten zwei bis drei Jahrzehnte entwickelt hat, so fällt von Anfang an seine muntere Unbekümmertheit auf, mit der er sich über künstlerische Normen hinwegsetzt und seiner Kunst verblüffend neue Freiräume erobert. Das betrifft nicht nur die Maltechnik im engeren Sinne, sondern auch den Umgang mit dem Bildraum und das Arrangement der Bilder zu Gruppen im Raum. Im Rhythmus von Wiederholung, von Variation und Permutation entwickeln sich Ordnungen, die, wenn sie so sensibel und überlegt gehängt sind, wie das hier gelungen ist, sich zu installativen Klängen zusammen finden.

Es lohnt sich, die Ausstellung auch unter diesem Gesichtspunkt, nämlich dem der räumlichen Anordnung, anzuschauen. Sie werden finden, dass es sehr interessante Beziehungen von einem Bild zum benachbarten gibt, aber auch zwischen einander gegenüberstehenden. Da kann es vorkommen, dass ein kleines lautes Format sich gegen ein stilles großes behauptet. Da gibt es Korrespondenzen einzelner Farben im Raum. – Was bezüglich der Farbe sofort ins Auge fällt, lässt sich mit etwas mehr Mühe auch auf der Inhaltsebene wieder finden. Insofern sind Sie eingeladen auch zu einer vergleichenden kreativen Betrachtung. Das schließt nicht aus, dass Sie Ihr Lieblingsbild finden, das Sie sogar erwerben können.