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Rosemarie Vollmer – »Notes on my ways«

Galerie der Stadt Geislingen. 14.03 – 11.04.2004. Zur Eröffnung am 14.04.2004

Notes on my ways« – das klingt nach Understatement – aber ist es das wirklich? Wie haben Sie den Titel der Ausstellung verstanden?

Eine Künstlerin macht Randbemerkungen, beiläufig wirft sie einige Notizen hin, nicht hörbare, sondern sichtbare. Am Rande ihres Weges können wir diese wahrnehmen, auflesen – und vielleicht sogar lesen. Das klingt bekenntnishaft und darf wohl auch fürs erste so verstanden werden. Aber bitte: Unterschätzen wir nicht die Anstrengung, die notwendig ist, um ästhetische Notate zu entschlüsseln, die sich sowohl auf ein Ding als auch auf eine Person beziehen. Denn jener Weg ist der Lebensweg von Rosemarie Vollmer und ebenso ist es der Weg ihrer Kunst. Da aber kein Mensch für sich allein existiert, sondern in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden ist und kein Kunstwerk nur aus seiner eigenen Logik zu verstehen ist, sondern in weite Kontexte eingesponnen ist, geht es um viel mehr als das, was auf den ersten Blick als Ausstellung hier sichtbar wird.

Dennoch ist jenes Sichtbare, das hier aktuell für uns präsentiert wird, das Wesentliche, mit dem wir uns zunächst befassen sollten. Mit anderen Worten: Es geht um zweierlei. Zum einen haben wir die Kunstwerke in ihrer sinnlichen und materiellen Präsenz ernst zu nehmen, danach erhebt sich die Frage, inwieweit diese auch über sich hinausweisen.

Bei Kunstmessen erleben wir es oft, dass Kunstwerke aufgereiht, Bilder stapelweise präsentiert werden wie Konsumware im Supermarkt. Sensible Künstler legen Wert darauf, dass jede Ausstellung ein eigenes Gesicht hat. Wenn Rosemarie Vollmer für ihre Bilder eine geeignete Anordnung im Raum findet, entsteht so etwas wie eine visuelle Sinfonie – ein komplexer Zusammenhang von Anziehung und Abstoßung, von Korrespondenz und Kontrast, von naher Vertrautheit und fernem Anklang. Solche Präsentation schafft zur Summe der Einzelwerke eine neue Qualität, die wir als doppelte Referenz verstehen dürfen. Sie entsteht aus der respektvollen Rezeption eines Raumes, zum Beispiel dieses ehemaligen Kornspeichers und des weiteren aus der Vorstellung von einem anspruchsvollen Publikum, das in eben diesem Raum und zwischen den Kunstwerken umhergehen wird und die Kunstwerke als Teil des gesamten Ambientes zu genießen weiß.

Das Hauptthema und der dominierende Grundklang wird angeschlagen durch die großen Formate mit ihren leuchtenden Farben in der Mittelachse. Dem sind des weiteren alle übrigen Werke, wie sie einzeln, in Zweier- und Dreiergruppen an den schmalen Wandscheiben zwischen den Fenstern Platz finden, zuzuordnen und in vielfältigen Korrespondenzen untereinander Beziehungen herstellen. – Eine Ausstellung wie diese bildet eine Art temporäres Raumkunstwerk, was jedoch nicht im Widerspruch zu der Tatsache steht, dass wir jedes Einzelwerk für sich sehen und verstehen können.

Rosemarie Vollmer trägt ihre Malerei sehr spontan vor, lässt sie aus der Farbmaterie, aus dem Sich-Auftürmen, Spritzen, Fließen und Verrinnen der Farbmassen leben und schafft für knappe Momente reflexive Ruhenischen. So entstehen Werke, denen man sich adäquat nähert, indem man zunächst versucht, ihre subjektiven Anmutungsqualitäten intuitiv zu erfassen. Das heißt, ein subjektives und emotionales Erfassen ist für den Anfang durchaus angemessen. Wenn Sie in diesem Stadium einer begeisterten Sympathie für ein Bild, einer Art Liebe auf den ersten Blick, verharren möchten, wird Ihnen das niemand verargen. Dann wäre von meiner Seite lediglich darauf hinzuweisen, dass keines der Exponate diesem Stadium der Rezeption gänzlich ausgelotet wäre, dass, wenn Sie mögen, es noch mehr zu entdecken gäbe.

Vielleicht helfen Ihnen hier die Titel weiter, die aber zunächst eher neue Rätsel aufgeben, anstatt Deutungen anzubieten. Gerade die Differenz zwischen Ihrer eigenen Anmutung und einem Titel wie »Stille Zeiten«, »Friends« oder »Ahnung« eignet sich hervorragend als Impuls, um die Phantasie Fäden knüpfen zu lassen zwischen den eigenen Assoziationen und der von der Künstlerin vergebenen Metapher.

Neben den singulären Bildern zeigt die aktuelle Ausstellung eine Fülle von Diptychen. Wenn Sie bei diesen zweiteiligen Werken hier an die Herkunft und einstmalige religiöse Funktion als Wandelaltar denken, sind Sie bei der authentischen historischen Quelle angelangt. Allerdings ist dieses nicht unabdingbar für einen angemessenen Zugang. So wäre es durchaus auch denkbar, dass Sie in den Paarbildern Sinnbilder für die unterschiedlichsten Ausprägungen von menschlichen Paarbeziehungen zu entdecken suchen – zwischen einem Ehepaar, einem Liebespaar oder einem Freundespaar. Hier wie dort gibt es die Parallelität insofern, als beide Teile oder Partner einander sehr ähnlich sind und versuchen, sich gegenseitig anzunähern. Sie zeichnen sich aus durch ein hohes Maß an wohltuender Harmonie und Schönheit im traditionellen Sinne. Nähert man die beiden Tafeln einander an, so scheinen sie geradezu ineinander zu verschmelzen. Andererseits vertragen sie es auch, wenn man sie weit auseinanderzieht, sie zum Beispiel durch ein Fenster oder eine Tür oder gar durch ein ganz anderes Werk trennt. Wie durch Hunderte von unsichtbaren Fäden scheinen die Beiden – gegen alles Trennende –miteinander verbunden zu sein. Gerade durch die Distanz wird die Gemeinsamkeit als eine verblüffend starke Kraft sinnfällig. Besonders deutlich sehen wir das hier bei »Wege suchen« oder bei »Roter Traum«. Die Parallelität kommt zustande durch verwandte Farbklänge und ähnlichen und sich von einer Tafel zur anderen fortsetzenden Bewegungssträngen. In parallelen Partnerschaften scheint der eine im anderen sein eigenes Spiegelbild als Bestätigung dafür zu suchen, dass vollendeter Gleichklang keine Utopie sei.

Den Gegentypus bildet das komplementäre Diptychon, dessen Teiltafeln auf den ersten Blick autonom komponiert zu sein scheinen. Während bei dem einen Bild zum Beispiel kalte Farben und eine vertikale Bewegung vorherrschen, wird das andere durch warme Farben und Horizontalität bestimmt. Allerdings gibt es in Rosemarie Vollmers komplementären Diptychen auch immer winzige Spuren von Gemeinsamkeit. Die Teile scheinen eher einander abzustoßen als anzuziehen. In Wirklichkeit dürfte es wohl so sein, dass jeder im komplementären Partner das sucht, was ihm fehlt, was bei ihm selbst zu schwach ausgeprägt ist. So ergänzen einander das Umschlagen von Figur und Grund wie Frage und Antwort. Möchten wir wissen, was es mit dem Verbindenden zwischen komplementären Partnern auf sich hat, müssen wir mit unterschiedlichen Distanzen experimentieren. Hier in der Ausstellung kann das natürlich nur virtuell geschehen, und bezogen auf Personen wären wir auf Gedankenexperimente angewiesen. Komplementäre Bildtafeln vertragen keine unmittelbare Nähe, eine Hängung sozusagen Kante an Kante. Andererseits drohen sie auf weite Distanz den Kontakt zu verlieren und in der eigenen Unabgeschlossenheit zu verelenden. Bei den komplementären Bildpaaren meine ich so etwas wie ein Spiel mit der Balance der ästhetischen Gravitationskräfte zu beobachten. Möglicherweise verhält es bei komplementären menschlichen Beziehungen ähnlich.

In diesem Zusammenhang scheint es mir bemerkenswert zu sein, dass die Malerin Rosemarie Vollmer sich nicht auf ein Paradigma kapriziert, sondern sozusagen die Fülle der Möglichkeiten wie in Modellversuchen durchdekliniert. Dies ist insofern ein konstituierendes Phänomen, als bei den spontanen und anscheinend auch über weite Strecken emotional aufgeladenen Schaffensprozessen sich ein wenig voreilig die Vermutung einstellen könnte, die Künstlerin schaffe so etwas wie Psychogramme, das heißt Bilder ihrer eigenen Psyche und Gefühlswelt. Der experimentelle Verlauf der künstlerischen Arbeit und die dabei entstehenden Sequenzen und Werkgruppen, die man mit systematischem Interesse sogar nach künstlerischen Kategorien ordnen könnte, machen deutlich, dass die Autorin ihre subjektive Welt bei weitem transzendiert und Beobachtungen und Erfahrungen in den Blick nimmt, die außerhalb des Ateliers gewonnen wurden. Hierauf verweisen auch die Titel einer vierteiligen Arbeit, die Rosemarie Vollmer als eine Quadriga – eine Art Vierspänner – bezeichnet:

»So malt das Leben so« – »Das Leben malt so« – »Malt das Leben so« – »Noch malt das Leben so«.

Dies besagt, wenn wir beim Bild des Gespannes bleiben: Jedes Teil bildet eine eigene Kraft, geht einer eigenen Frage und einem eigenen Problem nach. Doch am Ende ziehen alle in eine Richtung und versuchen zu zeigen, wie das Malen als eine Form der Lebensbewältigung sich bewähren kann.

Auf eine kleine Werkgruppe mit dem Titel »Be able« möchte ich Sie besonders hinweisen. Es handelt sich hierbei um experimentelle Drucke, die mit einer handgeschnittenen Wachsschablone und Japanaqua auf Japanbütten gedruckt wurden. Da kein Abzug dem anderen gleicht, handelt es sich nicht um Auflagendrucke im herkömmlichen Sinne, sondern um druckgrafische Unikate. Der Titel »Be able« (= Sei tüchtig! Trau’ dir etwas zu!) bezieht sich auf den Werkprozess und umschreibt zugleich eine dezidierte Einstellung zum Leben. Die Blätter reflektieren die Möglichkeit von Handlung und Kontemplation sowohl auf dem Felde der Kunst als auch bezogen auf eine ästhetisch eher entfremdete Lebenspraxis.