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Walter Schiementz: Zeichnung – Sichtweisen zwischen 1974 und 2004

Kunstverein Rastatt e. V. in der Pagodenburg. Zur Eröffnung am 17.07.2004

Es ist eine schöne Geste des Stadtmuseums und des Kunstvereins von Rastatt, für Walter Schiementz anlässlich seines runden Geburtstags parallel eine Ausstellung mit Malerei und eine weitere mit Zeichnungen auszurichten. Wären die Werke beider Medien in einem Haus nebeneinander zu sehen, so mögen Sie denken, ergäbe sich gewiss die eine oder andere Vergleichsmöglichkeit. Eine eigene Ausstellung mit der Zeichnung hingegen macht sinnfällig, dass dieser Gattung nicht nur eine dienende Funktion zukommt, indem sie zur Malerei hinführt, sondern dass sie ihre relative Eigenständigkeit, möglicherweise sogar ihre Autonomie behauptet.

Bei dieser Frage, ob nämlich die Zeichnung in erster Linie dem Entwerfen von Gemälden, Skulpturen und Bauwerken diene oder ob sie eigenwertige Kunstwerke hervorbringe, handelt es sich um ein Problem, das bereits ein halbes Jahrtausend alt ist. Für Leonardo und für Michelangelo stand fest, dass die Zeichnung die Grundlage aller bildenden Künste ist, und aus derselben Überlegung heraus gründete Giorgio Vasari 1563 in Florenz die Accademia del Disegno, also eine Zeichenakademie und keine Maler- oder Bildhauerakademie. Die Künstler der Renaissance wussten, dass die Zeichnung eine unmittelbare Verbindung zur künstlerischen Idee herstellt und dass sie geradezu ein Erkenntnismittel darstellt.

Oft wird übersehen, dass die Malerei erst im 20. Jahrhundert autonom geworden ist. Dagegen wurde gerade in demselben Jahrhundert die Zeichnung weitgehend vernachlässigt und auch nicht annähernd gemäß ihrer wirklichen Bedeutung gepflegt und gewürdigt.

Das Werk von Walter Schiementz, wie es sich in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt hat und Ihnen nun hier in Rastatt in zwei Ausstellungen präsentiert wird, bietet sich als exemplarischer Beleg dafür, wie Malerei und Zeichnung einander wohl befruchten können, im übrigen aber in relativer Autonomie parallel nebeneinander sich entwickeln. Zum ersten Mal wird in Auswahl die gesamte Zeitspanne entfaltet. Die Anfänge nach der Akademiezeit ab der Mitte der siebziger Jahre werden nur durch wenige prägnante Beispiele repräsentiert. Sodann folgen die achtziger Jahre mit vielfältigen Werkgruppen. Die neunziger Jahre werden wiederum nur knapp angedeutet, denn in dieser Dekade war Schiementz durch seine Professur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg durch Lehre und Hochschulselbstverwaltung stark in Anspruch genommen. Danach beginnt sich ein reiches Spätwerk zu entfalten, in dem mehr Neues sich verheißt, als dass es an einen Abschluss, an das Ziehen einer Summe denken ließe.

Walter Schiementz unterrichtete an verschiedenen Schulen im südlichen Baden, wobei innerhalb von 15 Dienstjahren die bildende Kunst zunehmend breiteren Raum einnahm. Als das Kunstkollegium der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe ihn 1970 aufnahm, nutze er die räumliche Nähe der Akademie zu einem künstlerischen Studium.

Ein Blick auf die Zeichnungen der siebziger Jahre zeigt, dass Schiementz sich offensichtlich durch die damaligen Lieblingsmotive seines Akademielehrers Herbert Kitzel – Unfallautos und Dummies – anregen ließ, in der zeichnerischen Handschrift jedoch eigensinnig seinen eigenen Weg suchte. Die neue Figuration und die Vielfalt der Realismen zwischen Fotorealismus und Pop Art hinterließ in Schiementz zeichnerischem Frühwerk ihre unübersehbaren Spuren. Aber Kitzel muss gespürt haben, dass es hier mehr Gemeinsamkeiten zwischen Lehrer und Schüler gab, als letzterer zunächst wahrhaben wollte. Nur wenige Jahre, nachdem Schiementz die Akademie hinter sich gelassen hatte, bricht sich ein ebenso sensibler wie nervöser und temperamentvoller Duktus Bahn, in dem an die Stelle der Kitzel'schen Verletzlichkeit eine geradezu ungestüme Vitalität tritt.

Aber auch seinem zweiten Akademielehrer verdankt Walter Schiementz Wesentliches. Hans Baschang führt uns bis heute vor, wie ein Künstler nicht nur der Zeichnung absolute Autonomie einräumt, sondern sie auch in monumentalen Formaten vorträgt. Auch bei Walter Schiementz erreichen die Zeichnungen bisweilen Formate, die in ihren Ausmaßen nur wenig hinter den Malereien zurückbleiben.

Kaum hatte Schiementz sich aus dem Dunstkreis der Akademie und seiner Lehrer entfernt, da entwickelte er seinen eigenen, seinen unverwechselbaren Zeichen- und Malstil. Bei den Motiven spielt die Figur eher eine episodische Rolle. Es gibt im beobachteten Nahraum Versuche mit stilllebenhaften Situationen. Aber das ureigene Motiv bildet sich erst allmählich und recht unspektakulär heraus. Es ist der Tiefenraum zunächst als gesehene und erlebte Landschaft, wie er uns zum Beispiel in den Reiseskizzen zwischen 1978 und 1987 begegnet. Zum wiederholten Male ging Schiementz den literarischen und anschaulichen Spuren von Goethes italienischer Reise nach, sah abwechselnd mit den eigenen Augen und dann auch wieder mit denen des Klassikers die märchenhafte amalfitanische Küste. Während Goethe seine Eindrücke durch den von ihm verpflichteten Christoph Heinrich Kniep festhalten ließ, bildeten Sehen, Erleben und Zeichnen für Schiementz immer eine Einheit.

Bisweilen war die Fülle der Eindrücke so vielfältig, dass nicht alle vor dem Motiv festgehalten werden konnten. Dann musste das Zeichnen nach schnellen Skizzen, nach Fotografien und nicht zuletzt nach inneren Bildern im Atelier seine Fortsetzung finden. Hier ging es nicht mehr ausschließlich um authentische Eindrücke; es schaltete sich die Phantasie ein und forderte ihr Recht. Dass dies in der Landschaftsmalerei so ist, wissen wir seit der Aus­einandersetzung zwischen den Vorkämpfern der Pleinairmalerei und den Ateliermalern im 19. Jahrhundert. Bei Schiementz verlängerten sich die Versuche nach einem Ausgleich im Konflikt zwischen Eindruck und Ausdruck bis in die Zeichnung hinein. So entstanden sowohl parallel als auch nacheinander zum einen die Reiseskizzen, zu denen eigentlich auch Zeichnungen gehören, die beispielsweise in den hiesigen Auenwäldern entstanden sind, und es entstanden zum anderen die Landschaftsfindungen, die, so können wir rückblickend konstatieren, seit zwei Jahrzehnten das beherrschende Motiv und Thema in Walter Schiementz’ Kunst ausmachen. Es tritt hier ein Spezifikum sowohl der Persönlichkeit des Künstlers als auch seines Kunstbegriffes zutage, bei dem es sich erweist, dass die Person mit ihrem Denken, Fühlen und Handeln jederzeit mit sich selbst identisch bleibt.

Die Sachlichkeit, das heißt, die Verpflichtung auf den Gegenstand und die sichtbare Welt, hat in der Karlsruher Schule eine lange Tradition, und in diese reiht das Werk von Walter Schiementz sich bruchlos ein. Allerdings hat er sich nie im Kreis der Veristen gesehen, die mit den Mitteln der Kunst die gesellschaftliche Wirklichkeit analysieren, kritisieren und schließlich verändern wollten. Das Motiv bleibt für Schiementz dieses immer in seinem ursprünglichen Sinne: ein Movens. Es fällt in das Auge des Künstlers, es stößt die Phantasie an und bringt die schöpferischen Prozesse in Gang, die sich zunehmend größere Freiräume erobern. Die Phantasie aber, das sehen wir nirgendwo deutlicher als in dem zeichnerischen Werk, wie es hier präsentiert wird, ist zusammen mit der Freiheit des Denkens und der Imagination das große und geradezu unerschöpfliche Repertoire des Künstlers.

Sie mögen sich angesichts dieser Ausstellung oder auch vor dem Hintergrund der gesamten figurativen Kunst seit der Pop-Art fragen, ob nicht die gesamte Abstraktion ein Umweg gewesen sei. Dafür, dass dem nicht so ist, finden wir ebenfalls hier deutliche Belege. Denn die Freiheiten, die durch die Revolution des Informell, der tachistischen Malerei und des gestischen Zeichnens in die Kunst gekommen sind, wurden von den Vertreten der neuen Gegenständlichkeit dankbar aufgegriffen, und sie werden bis auf den heutigen Tag geradezu genussvoll genutzt.

Wie aber sollen wir das zeichnerische Werk von Walter Schiementz verstehen? Ist es vor allem die Freude am Wiedererkennen in den Referenzen zu einer bekannten oder auch einer fremden Wirklichkeit? Oder geht es eher um ein sublimes Genießen des Striches, der schnellen und der langsamen Bewegung in der Linie, der Dramatik des Hell-Dunkel und da und dort der winzigen Spuren von Farbe? Alle diese Zugänge sind möglich und legitim: Die Auseinandersetzung mit dem Abbildhaften, die Wahrnehmung der bildnerischen Materialien und Mittel sowie die virtuelle Rekonstruktion der Arbeitsprozesse. Darüber hinaus bieten die Landschaftsfindungen, in denen sich nicht nur optische Eindrücke, sondern auch Gefühle und Gedanken niederschlagen, eine weitere Ebene an. Walter Schiementz benennt sie mit dem Understatement signalisierenden Begriff der Sichtweisen, der natürlich mehr mit sich führt als nur Visuelles. Es geht um des Blick des Künstlers auf die, auf seine und auf unsere Welt – es geht um ein Art Weltanschauung.

In ruhigen Zeiten mag der Eindruck sich einstellen, als stehe weiter nichts hinter Berg, Tal und Ebene, hinter Weg, See, Baum und Haus, außer, dass das Subjekt sich eins fühlt mit seinem Lebensraum, seiner Welt. Solche Bilder vermitteln, wenn die Elemente einander still und harmonisch zugeordnet sind, ein gelindes Glückgefühl. Ist das etwa nichts? Ist das vielleicht zu wenig? Auch solche Bilder brauchen wir! Aber bei Walter Schiementz sind sie äußerst selten. Denn die Berge türmen sich dramatisch auf, Wasser wird bisweilen zur bedrohlichen Naturgewalt, und die Behausungen, die eigentlich Schutz bieten sollten, sind aus dem Lot geraten, scheinen zum Spielball der tobenden Elemente zu werden. Allzu steile Wege verwandeln sich bisweilen in zerbrechliche Leitern, die den bedrängten Bewohnern jener unwirtlichen Welt sich als allerletzte Fluchtwege anbieten.

Bisweilen scheint der durchaus unsentimentale Künstler sich zu fragen, ob es neben den räumlichen Alternativen möglicherweise auch transzendente geben könnte. So lässt er ein rätselhaftes Licht oder ein quasi religiöses Zeichen aufleuchten. Vergleicht man die Beispiele innerhalb des Gesamtwerks, so bilden derartige Einsprengsel eher die Ausnahme. Zweifel und Nachdenklichkeit sind Walter Schiementz keineswegs fremd. Aber insgesamt spiegelt sein spätes Werk eine Weltsicht wider, die von einem kräftigen Schuss Optimismus, viel Energie und Temperament sowie einer gewissen heiteren Gelassenheit getragen wird. Solcherlei Sichtweisen, die der Künstler uns, seinen Zeitgenossen widmet, nehmen wir dankbar entgegen, und wir revanchieren uns mit den besten Wünschen für noch viele weitere Jahre in Gesundheit und produktivem Schaffen.