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Karl Vollmer: »... werden die Zeiten besser ...?«

Bilder zum 65. Jahrestag der Deportation der badischen Juden ins Lager Gurs

Ehemalige Synagoge Kippenheim. Zur Ausstellungseröffnung am 02.10.2005

Heutige Kunst präsentiert man nicht nur in Museen, Kunsthallen und Galerien, sondern auch immer wieder in umfunktionierten Bauten wie Fabriken oder auch Kirchen. Gerade das Moment der Verfremdung verleiht der Präsentation wie den Exponaten einen eigentümlichen Reiz, eine spezifische Aura, womit nicht ungern kokettiert wird. Doch mit der Synagoge als Ausstellungsort hat es eine besondere Bewandtnis. Ich kann mich an keinen einzigen Fall einer Kunstausstellung der letzten Jahrzehnte in einer Synagoge entsinnen, die nicht in irgendeiner Weise – direkt oder indirekt anspielend – auf die ursprüngliche Funktion des Hauses und auch auf die Shoah Bezug nähme. Dabei reicht das Spektrum von der ambitionierten Installation einer Rebecca Horn über die gut gemeinten spätexpressiven illustrierenden Vergegenwärtigungen bis zur sentimentalen und bemüht symbolträchtigen Gedenkkunst.

Karl Vollmers Weg ist ein anderer, wenn er seine Malereien und Zeichnungen in dieser Synagoge präsentiert. Die wechselvolle Geschichte des Bauwerks und der Menschen, von und für die es geschaffen worden war, soll präsent sein und nicht verdrängt werden, wie das in der ersten Phase der Zerstörung 1938 und in der zweiten Phase der Zerstörung 1956 versucht worden war. Mir scheint, dass man danach mit viel Sachkenntnis und Sensibilität den brutal ramponierten Bau innerhalb von zwei Jahrzehnten renoviert und rekonstruiert hat. Doch sieht man das Foto der Innenansicht von 1930, das hier an der Stelle des einstigen Thoraschreins hängt, so wird deutlich, was mit der Ausstattung unwiederbringlich verloren gegangen ist. Allerdings zeigt der Vergleich auch, dass die einfühlsame Hängung, mit der Vollmer sich auf die durchaus schwierigen Raumverhältnisse eingelassen hat, in diesem etwas entstehen lässt, das an die alte, die ursprüngliche Aura erinnert. Diese Wirkung verdankt sich vor allem den in der Mitte des Raums in einem losen Rhythmus aufgereihten und frei abgehängten großformatigen Papierarbeiten.

Aber lassen Sie uns der Reihe nach vorgehen. Den zeitlichen Anlass für diese Ausstellung bietet der 65. Jahrestag der Deportation der badischen Juden in das Internierungslager in Gurs nahe Pau am Fuße der französischen Pyrenäen. Gurs galt als die Vorhölle von Auschwitz, wo in Baracken mit einer Grundfläche von ca. 25 m2 jeweils bis zu 60 Personen zusammengepfercht waren, wo sie unter unvorstellbaren Bedingungen dahinvegetierten. 2001 hatte Karl Vollmer begonnen, sich mit den Ereignissen im Jahre 1940 auseinander zu setzen. Er studierte die Berichte der wenigen Überlebenden und einem Brief aus Gurs ist auch das Satzfragment entnommen, dem diese Ausstellung ihren Titel verdankt: "... werden die Zeiten besser ...?“ Unter diesen starken Eindrücken schuf Vollmer eine Stahlskulptur als Mahnmal, das auf dem alten Friedhof von Bretten aufgestellt wurde. Parallel dazu entstanden Zeichnungen und Malereien, die sich weniger am Objektiven und Allgemeingültigen, sondern mehr an den Einzelschicksalen und den kleinen Ereignissen des Lageralltags orientierten. Diese wurden zum ersten Mal in einer Ausstellung im Jahre 2002 öffentlich gezeigt; hier können Sie an den Seitenwänden und auf der südlichen Empore eine repräsentative Auswahl sehen. Obwohl Titel wie „Kabarett Gurs“, „Kerker“, „Enger Raum“, „Ein Stück Festtag“ und andere sich auf konkrete Ereignisse beziehen und bisweilen sogar episodisch anmuten, bieten die Werke keine Abbilder. Es sind vielmehr innere Bilder, Werke der Empathie, die einerseits die unerträgliche Spannung andeuten zwischen Todesangst und Schrecken einerseits und der erlebten Absurdität andererseits.

Das Zentrum und den Hauptakzent unserer Ausstellung bilden die wie Fahnen in der Mitte des Raums aufgehängten 3 Meter hohen, beiderseits bemalten Bahnen aus Zeichenkarton. Sie sind nicht nur dazu angetan, den sonst offenen Raum zu gliedern, sondern sie steigern auch seine Ausstrahlung und versetzen ihn in die Feierlichkeit eines hohen Festes, dessen Bedeutung allerdings nicht sogleich offenbar wird. Diese vier Fahnenbilder, wie ich sie einmal provisorisch benennen möchte, bilden einen Zyklus in vier bzw. acht Teilen mit einer gemeinsamen Thematik, denn der Künstler bezieht sich auf das von Paul Celan 1947 geschriebene Gedicht Todesfuge.

Über die Jahrzehnte ist die Todesfuge vielfach rezitiert, zitiert und in zahlreichen Interpretationen immer wieder aufs Neue ausgelotet worden. Auch bildende Künstler haben sich an dem Text versucht, doch neben einigen Belanglosigkeiten lohnt es sich lediglich, auf die Versuche von Anselm Kiefer hinzuweisen, der sich allerdings nur auf die beiden polaren Frauengestalten Margarete und Sulamith kapriziert. Karl Vollmer wählt den Satz „... in den Lüften liegt man nicht eng ...“, der wohl als Dreh- und Angelpunkt des Gedichts auszumachen ist. Der Satz nimmt das Ende der Gefangenen vorweg, wenn wir den Rauch aufsteigen sehen aus den Schloten der Krematorien. Zuvor mussten sie Tag und Nacht die schwarze Milch des Todes trinken, wie es in dem Gedicht heißt, auf das Signal einer Trillerpfeife gruben sie ein Massengrab, während andere zum Totentanz aufzuspielen hatten. Die einen wurden von einer Garbe von Bleikugeln niedergemäht, während anderen die so genannte Sonderbehandlung zuteil wurde, wie man das im KZ-Jargon euphemistisch ausdrückte.

... dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Vielleicht war eine derartige Vorstellung sogar tröstlich für die gefolterten, geschlagenen, ausgehungerten, gedemütigten, entrechteten Menschen.

Ein anderes, mehrfach wiederkehrendes Bild spielt eine wichtige Rolle in der Todesfuge, und es wird ebenfalls von Karl Vollmer aufgegriffen, allerdings nicht explizit, sondern nur am Rande, was ihm jedoch von seiner Bedeutung nichts nimmt. Es ist die Rede vom blauäugigen KZ-Wächter und Folterknecht und zwei Frauengestalten. Von jenem Mann wird gesagt:

... der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith ...

Der Mann verkörpert das Rassenideal des Ariers, dem zwei konträre Frauen gegenübergestellt werden: die blonde deutsche Frau und die dunkelhaarige Jüdin. Als Allegorien des Judentums und des Christentums figurieren sie in den Gestalten von Synagoge und Ecclesia in der mittelalterlichen Buchmalerei sowie als Steinskulpturen an den Westfassaden gotischer Kathedralen, zum Beispiel am Straßburger Münster.

Der Soldat in der Fremde preist in seinem Brief in die Heimat das goldene Haar seiner geliebten und verehrten Frau. Unmittelbar danach spricht er zur Jüdin Sulamith und sagt:

Dein aschenes Haar Sulamith ...

Das klingt weder nach Bewunderung, noch gar nach einer Liebeserklärung. Aber immerhin scheint die jüdische Frau ihm soviel zu bedeuten, dass er sie anspricht und auch ihr Haar erwähnt. Die Farbangabe aschen ist vieldeutig, denn sie kann aschfarben, ergraut, mit Asche bedeckt oder auch zu Asche geworden bedeuten. Dabei müssen wir nicht zwischen diesen Bedeutungen entscheiden, denn sie gelten alle: Die Farbe der Haare ist demnach grau-schwarz, durch die Leiden und Entbehrungen ist die Frau frühzeitig gealtert und ergraut. Als Jüdin hat die Frau Asche auf ihr Haupt gehäuft und büßt sozusagen für die Sünden ihrer Vorfahren. Und schließlich deutet es sich an, dass es für das Leben dieser Frau keine Rettung gibt, dass auch sie den Flammen des Verbrennungsofens nicht entgehen wird, auch wenn sie für eine kurze Frist das bedingte Wohlwollen des Lagerkommandanten genießt.

Karl Vollmer entwirft auf den monumentalen Fahnenbildern eine neue und irritierende Bildwelt parallel zum Text der Todesfuge. Auf der ersten Fahne sehen wir einen menschlichen Rumpf in Schwarz und Grün, der an eine schlemmer’sche Figurine denken lässt. Die schwarzen Partien könnten verschattet sein, erinnern aber auch an Verbranntes, Verkohltes. Auf der Rückseite wiederholt sich der Umriss als durchgepunktete Linie, die mit mäandrierenden schnellen Linien zu einer transparenten Fläche zusammengezogen werden. So entsteht innerhalb unserer Beobachtungszeit, während wir die wenigen Schritte gehen, um die Kehrseite zu erkennen, der Eindruck einer Auflösung. Der beigefügte Titel „In den Lüften liegt man nicht eng ...“ stellt die Verbindung zur Todesfuge her.

Auf der zweiten Fahne scheint alles Menschenähnliche verschwunden und sich in Vegetabiles gewandelt zu haben. Eine bewusstlose Welt frühen Lebens oder gar von deren Vorstufen öffnet sich; einfache Wesen bewegen sich in ruhigem Schwingen, kommen und vergehen. Nur die schwarzen Schatten gemahnen an den Ursprung aus dem Tod. Es ist ein Vegetieren ohne ein Wollen, ein Begehren und ohne Gewalt; jedes begnügt sich mit seinem Eigenen und lässt das Andere sein, wie es ist. Hier hat Vollmer eine ganz eigenwillige Vorstellung eines Paradieses entworfen. Die Rückseite zeigt wieder eine Verwandlung, ähnlich wie bei der ersten Fahne durchgepunktet, aber eine Entwicklung in der umgekehrten Richtung, denn aus dem Amorphen schält sich nun Gestaltartiges heraus.

Auf der dritten Fahne ist Gegenständliches kaum auszumachen, wenn wir davon absehen, dass die vertikalen Proportionen vielleicht noch entfernte Assoziationen an eine Figur wecken. Es sind eher spektakuläre immaterielle Ereignisse in der blauen Farbe des Geistes, die sich hier vollziehen zwischen Licht und Dunkel, die explosionsartig entstehen und ebenso schnell wieder verschwinden. Auch hier knüpft der Titel „... liegt man nicht eng ...“ an die Todesfuge an. Auf der Rückseite zeigen sich als überraschendes Resultat der Metamorphose in leichten Grüntönen fremde pflanzenähnliche Gebilde. Der Titel „Zwischen Himmel und Erde“ betont die offene Situation und versucht Abstand zur engeren Thematik zu gewinnen.

Die vierte Fahne lässt erkennen, dass die Gestalt, jenes Ur-Eine, sich in zwei Teile spaltet, in ein Weibliches und ein Männliches. Beide sind noch vereint und schon im Begriff, sich voneinander zu trennen, um zu Individuen zu werden. Auf der Rückseite hat jedes Menschenwesen seine jeweilige Identität erlangt, indem wie in einem Traum aus informellen malerischen Gesten, aus einer Art Palettensituation sich Gestalthaftes herausschält. Ein jedes ist mit sich und seinen Gedanken, Wünschen und Plänen beschäftigt, so dass das Gemeinsame verloren geht. Diese Seite trägt den Titel „(quer) liegen“. Außerdem erscheinen die Namen „Sulamith“ und „Margarete“, jene schon in der Todesfuge erwähnten Repräsentantinnen von Judentum und Christentum. Ob es nun Mann und Frau sind, oder ob es sich um die allegorischen Gestalten handelt, die über zwei Jahrtausende die tragische Polarität zwischen zwei einander eigentlich sehr nahe stehende Religionen verkörpern – was die scheinbar disparaten Vorstellungen miteinander verbindet, ist die schmerzliche Erfahrung, dass eine Einheit, vielleicht auch eine Liebe zerbricht. So wird nicht etwa durch das künstlerische Werk von Karl Vollmer die Thematik verändert, sondern erweitert, indem ihr eine neue Dimension zuwächst. Unter die religionsgeschichtliche und politisch-moralische Ebene als Überbau schiebt sich eine anthropologisch-psychologische Basis, die es in einer profanisierten Epoche einem jeden ermöglicht, sich in diesen Bildern emotional wiederzufinden.

In acht Bildern hat Karl Vollmer hier vor uns eine Geschichte ausgebreitet, die nur wenige Parallelen mit der biblischen Genesis aufweist. Unterschiedliche Schöpfungsmythen klingen an, vor allem wird ein völlig neuer Zusammenhang hergestellt. Aus dem Ereignis eines Volkermordes, in das wir alle über unsere Vorfahren verstrickt sind, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, lässt der Künstler einen neuen Mythos wachsen von Vergehen und Entstehen. Doch der Ausblick ist äußerst ernüchternd, denn dieser besteht aus einem Spiegel, der uns Heutigen vorgehalten wird. Wir sind es, die hier Fragen zu stellen haben, die uns kein anderer beantworten kann als wiederum wir selber. Die Perspektiven, die Karl Vollmer uns anbietet, sind keineswegs ohne Hoffnung; neben Trauer und Nachdenklichkeit bleibt auch immer wieder Raum für das Heitere, das Poetische und das Leben Bejahende.

Schließlich darf ich Sie auf einen besonderen Teil der Ausstellung hinweisen, der geeignet ist, das geradezu unvermeidliche inhaltliche Übergewicht auszugleichen und das Künstlerische noch einmal als autonome Dimension unseres Denkens, unseres Fühlens und unseres Handelns ins Bewusstsein zu heben. An der Wand der nördlichen Empore, wo Vollmer acht Zeichnungen zu vier Paaren direkt an die Wand geheftet hat, bietet sich uns der ungewöhnliche Fall und die Chance, einen Blick mitten in den künstlerischen Schaffensprozess zu werfen. Denn nur äußerst selten bekommen Sie Skizzen zu sehen, die außerhalb der Phase des Konzipieren liegen, indem sie die subjektive Verarbeitung des thematisch Erlebten mit aktuellen Ereignissen des Alltags verknüpfen. Auf dem jeweils linken Blatt erkennen wir zwei schwebende Figuren mit dem uns inzwischen vertrauten Motiv „In den Lüften ...“. Diese werden von einer wirbelnden Bewegung erfasst, mitgerissen und in ihrer physischen Konsistenz angegriffen. Auf dem jeweils rechten Blatt gewinnt der sich zu kreisender Turbulenz steigernde Wirbel die Übermacht und reißt mit zerstörender Kraft alles mit sich. Vordergründig erkennen wir die Verbindung zu den Hurrikans, welche kürzlich den mexikanischen Golf heimgesucht hatten, was sich auch im Titel der Zeichnungen „Zyklon“ bestätigt. Bewegung in der Kunst hängt aber auch immer mit Emotionalität zusammen, so dass es nahe liegt, zu fragen, inwieweit in unserer Gefühls- und Beziehungswelt bisweilen Verheerungen stattfinden – und wodurch sie verursacht werden.

Einmal mehr zeigt es sich somit, dass Geschichte, die im Kunstwerk reflektiert wird, ihre Ferne und Fremdheit verliert und zu unserer ganz persönlichen Angelegenheit wird. So bleibt mir nur noch, Ihnen bei der Betrachtung von Karl Vollmers Kunst nicht nur historische Einsichten, sondern auch Einblicke in das eigene Ich zu wünschen.