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Horst Peter Schlotter: »Roll over Rrose« – Bilder und Objekte.

Kunstverein Das Damianstor Bruchsal e. V. Zur Ausstellungseröffnung am 02.04.2006

Könnte es sein, dass wir – der Künstler und der Redner – Ihnen eine Erklärung schuldig sind? Wir wollen unser Bestes tun und versuchen, Sie nicht zu enttäuschen.

Beginnen wir mit einer kleinen Einstimmung. Stichwort „Roll over ...“: Sicher dachten Sie an den Musik-Titel „Roll over Beethoven“ von Chuck Berry, den man mit „Vorwärts zu Beethoven“ oder auch „Beethoven herumgewälzt“ übersetzen könnte. Da ging es um eine sehr freie, unkonventionelle und zeitgemäße Aneignung; Beethoven und seine unbändige Musikalität nicht für die feinen Leute, sondern für die Rock-and-Roll-begeisterte Jugend. „Rock“ meint das wiegende Hin-und-Her nicht nur beim Tanzen, sondern auch beim Liebesakt. Es vermittelt sich mit Rock-and-Roll also auch das Bild eines Paares, das sich in ekstatischer Umarmung am Boden wälzt. – Was aber hat es mit dem dritten Wort des Titels auf sich, was wird umhergewälzt in den neuesten Bildern von H. P. Schlotter? Um dieses Wort zu entschlüsseln, muss man den ersten Buchstaben als solchen sprechen und nicht als Laut: also nicht „rose“, sondern „er-rose“ = „Eros“! Das passt durchaus zu dem Bisherigen.

Erfunden hat dieses kryptografisch maskierte Wort der Dada-Künstler Marcel Duchamp. Es gibt von ihm ein Porträtfoto, auf dem er als Frau verkleidet ist und den Namen trägt „Rrose Sélavy“ = Eros – das ist das Leben. Einige seiner Werke hat Duchamp auch mit diesem Namen signiert. Er hatte sich eine zweite, eine weibliche Identität zugelegt, ohne ein Transvestit zu sein; ihm ging es um eine androgyne künstlerische Existenz, um das Verbindende zwischen Frau und Mann und nicht um das Trennende. Durch das gesamte Oeuvre von Duchamp von der Jugend bis ins hohe Alter zieht sich als Motiv und Idee eine Art panerotischer Faden.

Geradezu verblüffend war es für mich, als Schlotter bei unserem Ateliergespräch darauf hinwies, dass ihm der Klang des Titels, die Sprachmelodie wichtig sei, wie sie sich aus der Massierung der R-Laute ergebe: Roll over Rrose. Eine vergleichbare Äußerung gibt es von Duchamp zu seinem Bild „Trauriger junger Mann im Zug“, dessen Originaltitel man hören muss: „Jeune Homme triste dans un Train“. Angesichts einander widersprechender Interpretationen sagte Duchamp, er habe mit dem Wortspiel den Humor ins Bild bringen wollen: „Der Jüngling ist triste, weil hinterher ein train kommt. Das Tr ist hier sehr wichtig“.

Das „Große Glas“ bzw. „Die Braut, von ihren Junggesellen entkleidet, sogar“ von Duchamp stellt eine Analyse der Ästhetik und der Mechanik der Geschlechter und des Sexualakts dar. H. P. Schlotter hat sechs Ausschnitte aus dem monumentalen Werk herausgelöst, sie jeweils mit einem anderen Element konfrontiert und so auf sechs Leinwänden neue und überraschende Zusammenhänge geschaffen. Die sechs Tafeln bilden einerseits Schlotters Kommentar zu Duchamp, andererseits seine ganz und gar spezifische Sicht auf das Thema der menschlichen Erotik mit Blick auf und durch das „Große Glas“. Ihre Titel wurden auch zum Titel der ganzen Ausstellung: „Roll over Rrose“.

Dabei erzählt jedes Bild eine eigene Geschichte. Nur auf zwei Beispiele will ich hier eingehen. Auf einem Bild ragen von unten mehrere der maskulinen Gussformen ins Bild, die Duchamp einzeln benennt als Gendarm, Hotelboy, Leichenträger, Priester u. s. f. Gemeinsam ist ihnen die Uniformierung, die für eine Funktion steht, mit der sie ihre Sexualität verbergen und dadurch für gesellschaftliche Dienste zugerichtet werden. In einem Gespräch sagt Duchamp, in die Gussformen werde Leuchtgas gefüllt. Das flüchtige Element wird also gebändigt, diszipliniert und in eine gesellschaftlich erwünschte Form gezwungen. Der Schulphilosoph, der uns verspricht, die Wahrheit zur Erscheinung zu bringen, trägt seinen Straßenanzug, der nicht ganz so dicht hält wie die Uniform, so dass ein kleines Flämmchen aufglühen kann. Nur bei den ungebügelten Poeten kommt das Gas so richtig zum Leuchten. – Nun aber zurück zu Schlotters Bild, in welchem den Gussformen von oben eine phallische Form entgegen kommt, die der Künstler in einem verpackten Bestattungs-Set entdeckt hat. Nicht um das große Thema von Liebe und Tod geht es demnach wie bei Romeo und Julia oder Tristan und Isolde, sondern um die mit der Feder des Triebverzichts geschriebenen Lebensdramen. – Nun zum zweiten Beispiel. Die Schokoladenmühle war die erste Junggesellenmaschine, die Duchamp ins Bild setzte. In einem Schaufester sah er das Gerät zusammen mit dem Werbespruch: „Der Junggeselle reibt seine Schokolade selber“. Diese leicht schlüpfrige Pointe verstand um 1914 jeder erwachsene Franzose auf Anhieb. Das Detail erscheint bei Schlotter um 180° gedreht als schwarzes Monster, das seine grazilen Beinchen im Stil Louis XV derart hilflos in Richtung einer Gefühlswolke nach oben streckt, dass die zugehörigen pikanten Assoziationen auch am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht ausbleiben können.

Zugegebenermaßen gestaltet sich die Inhaltsdeutung der zuletzt angesprochenen Sechsergruppe nicht ganz einfach. Aber, lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich ein Kunstwerk erwerbe, dann möchte ich eigentlich nicht, dass ich es auf Anhieb vollständig durchschaue und es vielleicht nach einem halben Jahr nicht mehr ansehen mag, weil es mich langweilt. Mir ist es wichtig, dass ein Bild seine Geheimnisse erst über die Länge der Zeit allmählich preisgibt.

Wir wenden uns einer Werkgruppe zu, die unserem gewohnten Sehen und Verstehen von Bildern mehr entgegenkommt – sowohl kompositorisch als auch inhaltlich. Da gibt es eine Dreiergruppe mit dem Titel „Carnal Landscape“. Durch starke Vergrößerung und durch sowohl malerische als auch grafische Verfremdung weiblicher Torsi sind Landschaftsräume entstanden. Das ehemals pornografische Detail wurde so weit gedämpft, dass es innerhalb der Fleischeslandschaft nurmehr einen belebenden Akzent, einen point de vue bildet, den nicht nur Männer frohen Herzens genießen können. Getreu dem Thema der Ausstellung wurde auch hier das Motiv einem Roll-over unterworfen.

Es wird Ihnen nicht entgangen sein, dass in dieser Ausstellung keine Malerei im herkömmlichen Sinne zu sehen ist, und besonders überrascht werden diejenigen unter Ihnen sein, die H. P. Schlotter seit Jahrzehnten als Maler kennen. Er hat in den letzten Jahren neben der Malerei mit Ölfarben, Acrylfarben oder der direkten Verarbeitung von Pigmenten mit Dispersionsbindern sowie dem Zeichnen mit Kohle und farbigen Kreiden ein neues und sehr komplexes Verfahren entwickelt. Hierbei spielen auch collagierende, fotografische und druckgrafische Prozesse eine bedeutsame Rolle. – Die Ausstellung ist derart didaktisch konzipiert, dass Ihnen bei aufmerksamer Betrachtung der vielfältigen Exponate durchaus ein Einblick in die Werkprozesse möglich wird und Sie über das Nachvollziehen der Arbeitsphasen auch ein tieferes Verständnis des künstlerischen Sehens und Denkens gewinnen können.

Auf dem doppelseitigen Lesepult liegen zwei Bücher, wie Schlotter sie seit drei Jahrzehnten mit grafischen, malerischen und schriftlichen Notizen füllt. Es handelt sich hierbei nicht um Skizzenbücher im traditionellen Verständnis, auch nicht um persönliche, sondern um künstlerische Tagebücher, in die gesehene, gelesene, gehörte und erlebte Tagesreste Eingang finden. Nirgendwo ist Schlotter so spontan wie in seinen Büchern, denn alles kommt direkt, ungefiltert und unzensiert aufs Papier. Über viele Jahre waren sie quasi Selbstzweck, ein Fundus von Einfällen, aus dem sich die nach außen gerichtete malerische Arbeit speiste, und nur Freunde konnten bisweilen im Atelier Einblick nehmen. 1999 waren die Bücher zum ersten Mal in großer Breite in einer Ausstellung zu sehen; sie stehen übrigens auch heute nicht zum Verkauf, und ich hoffe sehr, dass sich daran bis auf Weiteres nichts ändert.

Unter dem Titel „Variationen zu M. D.“ [= Marcel Duchamp] gibt es in dieser Ausstellung eine Gruppe von sechs kleinformatigen Arbeiten auf Alublech und Plakatabrissen, die quasi modellhaft die Arbeitsweise von H. P. Schlotter vorführen. Hier finden sich übereinander geschichtet und nebeneinander angeordnet Collage, Malerei und Zeichnung, Zitate aus der Werbung, aus alten illustrierten Büchern, aus eigenen Katalogen und natürlich auch wiederum Details aus dem Großen Glas von Duchamp. Bevor die ökologische Bewegung die Wiederverwertung von Abfall propagierte, hatten die Dada-Künstler die Recycling-Kunst erfunden. Diese bringt es mit sich, dass man nicht nur Abfall zu Kunst weiter verarbeitet, wie Kurt Schwitters es getan hatte, sondern dass ein Künstler wie H. P. Schlotter die Großen und die Kleinen der Kunstgeschichte und sogar sich selber beklaut – wie er mir sagt. Der Umgang mit den Fundstücken geschieht spielerisch und vor allem respektlos. Für ihn gibt es kein High und kein Low, keine E- und keine U-Kunst. Diese Barriere hatten ja bekanntlich die Pop-Künstler niedergerissen und damit dem nachmodernen Zeitalter die Tore geöffnet. Und die Künstler des Nouveau Réalisme hatten das hehre Ideal der Materialgerechtigkeit, das seit Kandinsky und dem Bauhaus als unumstößliches Sanktissimum galt, sang- und klanglos verabschiedet, indem sie alles mit allem kombinierten. Man denke an den genialen Konstrukteur von lärmenden Skulpturen Jean Tinguely oder den Collageur von Plakatabrissen Mimmo Rotella. – Bei den Kleinformaten können Sie beobachten, wie das alles sich auch materiell miteinander verkettet und verwebt, und zugleich scheint doch alles auch zueinander gefunden zu haben wie von selbst. Bei den kleineren Formaten wird wie im absichtslosen Spiel manches gefunden ohne ein vorausgegangenes Suchen, und den Fundstücken und Materialien wird eine hohes Maß an Eigenständigkeit zugebilligt, während der Künstler beobachtet und die Prozesse geschehen lässt. „Roll over“ meint hier, dass das Material wie im Salto mortale sich über Gesetze und Gestaltungsprinzipien hinwegsetzt. Und der Eros äußert sich auch in der ekstatischen Leidenschaft, die nun aus dem Werk auf den Künstler zurückspringt.

Innerhalb des bisher Beschriebenen scheint Schlotter sich im Rahmen vertrauter Verfahren und künstlerischer Denkweisen der Nachmoderne zu bewegen. Doch die wesentliche Neuerung, die er in den Großformaten eingeführt hat, ist die Nutzung der neuen Medien in der Malerei. Sie erinnern sich, dass Roy Lichtenstein den Druckraster vergrößerter Comics durch die Verwendung von Lochblechen als Schablonen simulierte und dass Andy Warhol in seiner Factory die Porträts von Pop-Ikonen grob gerastert im Siebdruckverfahren auf Leinwände übertragen ließ. H. P. Schlotter nutzt nun die digitalen Medien, wie sie jedem von uns zu Gebote stehen. Mit der Digitalkamera und dem Scanner erfasst er Ausschnitte aus einer unermesslichen und unerschöpflichen Bildwelt, bearbeitet sie auf dem Bildschirm seines Computers und lässt die umfangreichen Dateien konsequenterweise als Digitaldruck auf grundierte Leinwände übertragen. Bedingt durch den extremen Blow-up-Effekt, wird aus einer scharfen Linie ein Band von runden oder amorphen Flecken, aus einem unscheinbaren Tonwertverlauf, einer auf der Vorlage kaum wahrnehmbaren Modulation wird einmal ein konstruktives, ein anderes Mal ein informelles Fleckenmuster. Als früheste Versuche mit diesem Verfahren können Sie die vier mittelgroßen Formate mit dem Titel „Hybrid“ sehen und sodann die Großformate mit dem Titel „Secret Life“.

Der Print auf Leinwand, obwohl potentiell durchaus multiplizierbar, ist in Wahrheit ein Unikat, das sich sowohl planenden Zugriffen als auch aleatorischen Wirkungen verdankt. Zufall und Absicht sind also eng miteinander verschränkt. Das digitale Medium war als nützliches Instrument eingesetzt worden, mit dessen Hilfe streckenweise auf der immateriellen Ebene größte Freiräume genutzt werden konnten. Es bot ein Arrangement von Geräten, das dem Finden, dem Entdecken, dem Manipulieren und auch dem Verrätseln neue Möglichkeiten erschloss. Doch nun kommt wieder der Maler zum Zuge, dessen größte Passion darin besteht, nicht nur den Pinsel, die Kreide und die Malpaste in den Fingerspitzen zu spüren, sondern dem die Küche nicht weniger vertraut ist als das Atelier. Für einen Sinnenmensch, der Gemüse, Kräuter, Fleisch und Meeresfrüchte betastet, beriecht und schmeckt, sie zubereitet und dann mit der Familie oder mit Freunden genießt, muss die Materie doch das letzte Wort haben. Und so greift er wieder zu Pinsel und Farben, und es folgt ein intensiver Arbeitsprozess, innerhalb dessen neue farbige und grafische Akzente gesetzt, an anderer Stelle auch Härten ausgeglichen werden, so dass etwas entsteht, das uns in doppelter Hinsicht erstaunt. Die großen Gemälde wirken überraschend neu und provokativ und dennoch auch ein klein wenig vertraut wie die Distanz wahrenden Werke der italienischen Meister des Quattrocento. Sie muten verrätselt an und verschlossen, und auf den zweiten Blick bieten sie doch hier und da einen Zipfel, den wir nur ergreifen müssen, um dem Werk ein Stück näher zu kommen. Schließlich besitzen sie auch eine Qualität, die heute zu formulieren nicht nur altmodisch, sondern auch missverständlich klingt, weil sie in der Kunsttheorie des Klassizismus seinerzeit allzu leicht von der Zunge ging. Selbst wenn wir uns ein wenig dagegen sperren, können wir ihnen so etwas wie Monumentalität und eine ferne und fremde Schönheit nicht absprechen.

Abschließend möchte ich noch auf eine kleine Werkgruppe von fünf Plastiken hinweisen, die den Titel „Stèle Mâlic“ tragen. Dies ist wiederum als Anspielung auf Duchamps Gussformen zu verstehen. Über einem Fuß aus Schiefer windet sich die Stelenform aus mehreren Holzspindeln in die Höhe und erinnert in ihrem Wechsel von Einschnürungen und Schwellungen ein wenig an Constantin Brancusis Unendliche Säule. Doch H. P. Schlotter möchte sich weder für Minimalistisches, noch für die Askese der Unendlichkeit verwenden, weshalb er jede Stele mit einer besonderen akzentgebenden Figur bekrönt. Insofern handelt es sich auch um eine Art Roll over Brancusi. Die antike Stele diente als Grabdenkmal, und als Herme dominierte die phallische Gestalt. Mit ihren humorvollen Bekrönungen jedoch behaupten die Stelen von Schlotter ihre Zeitgenossenschaft.

„Roll over Rrose“ müssen wir nicht allein als Rahmen für diese Ausstellung begreifen: Es böte sich auch an, dieses Motto für die Rezeption von Kunst überhaupt zu erproben. Immerhin verbinden sich hier Intelligenz, Sinnlichkeit und Humor zu einem attraktiven Menü, zu dem ich Ihnen einen guten Appetit wünsche.