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Statement

Als die Homepage im März 2003 ins Netz gestellt wurde, folgte das "Statement" auf die biografischen Stichworte.

Kunstvermittlung gleicht der Quadratur des Kreises. So wie die Philosophie das Denken nicht bestimmen kann, es jedoch keineswegs für müßig hält, über dieses nachzudenken und zu sprechen, ebenso können wir nicht sagen, was die Kunst ist. Aber wir halten es nicht nur für sinnvoll, sondern sogar für notwendig, die Kunstwerke mit unserem Sehen, unserem Denken und unserem Sprechen zu umkreisen. Der Künstler nähert sich dem Werk eines Kollegen oder Vorläufers auf analogem Wege, indem er nach dem Gesehenen und Erfühlten in demselben ästhetischen Medium einen Dialog versucht, Paraphrasen bildet. Das bekannteste Beispiel bildet wohl Picasso, der mit einem bedeutenden Teil seines Oeuvres Malereien und Grafiken nach Werken alter und neuer Meister sich einen eigenen Kosmos kunstgeschichtlicher Anschauung geschaffen hatte. Kunstbetrachter und Kunstvermittler setzten mit ihren Annäherungsbemühungen ebenfalls mit dem Sehen ein. Doch dann wird vor allem die Sprache bemüht, um über eine Selbstvergewisserung einen Dialog mit anderen in Gang zu setzen.

Es lohnt sich, dass man sich wiederholt und über einen langen Zeitraum um einen adäquaten Umgang mit Kunstwerken bemüht. Aber die Hoffnung, man könnte zunehmend wahrnehmbare Fortschritte verzeichnen, beherrsche gar irgendwann das Metier, wäre verfehlt. Kunst ist kein Lernstoff. Kunstgeschichtliche Anschauung und zugehörige Kenntnisse sind durchaus nützlich, aber sie weisen noch nicht den Weg zum Kunstwerk. Eine positivistische Einstellung kann sogar einem Zugang zur Kunst im Wege stehen. Was man lernt im Umgang mit Kunstwerken, im Kommunizieren über Kunst, ist nicht diese selbst. Nach drei oder vier Jahrzehnten wird man vielleicht ein wenig bescheidener, man lernt die eigenen Grenzen kennen, und es gelingt auch im Medium der Sprache besser, ohne Umschweife zu erklären, dass man etwas nicht weiß oder nicht versteht. So trägt der Umgang mit Kunst auch dazu bei, dass wir uns selbst ein wenig besser zu verstehen lernen.

Vielleicht neigen wir dazu, beim Interpretieren eines Kunstwerks nach Möglichkeit ein Ganzes zu geben, dem vollendeten Werk einen geschlossenen Text an die Seite stellen zu wollen. Derlei Bemühungen mögen redlich sein, doch sollte man ihren Wert nicht allzu hoch einschätzen. Wir leben in einer Welt und in Gesellschaften, die von partikularen Interessen angetrieben werden. Die Ideale der Aufklärung und der Demokratie sind längst von den Eliten verraten worden und dienen diesen nur noch als Freibrief zum Ausrauben öffentlicher Ressourcen. Einer sich selbst zerstörenden Welt entspricht ein Weltbild, in dessen Innern nicht nur trojanische Pferde und andere Computerviren ihr Unwesen treiben. Das Fragment war bereits das Paradigma für das 20. Jahrhundert. Und auch die Kunst nach der Klassischen Moderne zeichnet sich durch ihre Offenheit, ihren fragmentarischen Charakter und schließlich durch einen sich erweiternden Kunstbegriff aus. Insofern bietet das Internet als ein offenes, als ein transitorisches Medium ganz neue Chancen. Wir müssen nicht mit dem Anspruch antreten, definitive Antworten zu formulieren. Hier dürfen wir Stücke geben, nicht Zusammenhängendes aneinander reihen, und brauchen auch nicht zu erwarten, dass jeder Besucher dieser Seite sich für alles in gleicher Weise interessiert.